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Norwegische Technologie hilft Schulkindern beim E-Learning während der Coronakrise

24. April, 2020
VON The Explorer

Durch eine fortgeschrittene Digitalisierung des Schulsystems ist Norwegen beim Homeschooling sehr erfolgreich. Beim digitalen Schulalltag helfen dort diese Tools und Plattformen.

Auf der ganzen Welt sind Schulen gezwungen, drastische Änderungen am Unterrichtsalltag vorzunehmen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu begrenzen. Norwegische Unternehmen helfen den Schulen, ein gutes Unterrichtsangebot aufrechtzuerhalten: durch Online-Quiz-Tools, E-Books und neue digitale Unterrichtsmethoden. Einige Unternehmen haben die Anzahl ihrer Nutzer gleich mehr als verzehnfacht.

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Tina Fraune
Senior Advisor bei Innovation Norway in Deutschland

Kahoot! war früh am Ball beim E-Learning

Die spielebasierte Online-Lernplattform Kahoot ist eine norwegische Erfolgsgeschichte: Das Tool wird bereits regelmäßig von sechs Millionen Lehrerinnen und Lehrern in über 150 Ländern eingesetzt. Das ist dann besonders praktisch, wenn deren Schülerinnen und Schüler nicht zur Schule gehen dürfen, denn die Plattform eignet sich ausgezeichnet für den Fernunterricht.

„Während der Coronakrise ist Engagement wichtiger denn je. Wenn sich Schülerinnen und Schüler in einem positiven Bildungsumfeld befinden, können sie sich gegenseitig helfen, in Teams spielen und zusammenarbeiten, um sich zu entwickeln“, sagt Kahoots Marketing Manager Sean D'Arcy.

Noch bevor viele Länder beschlossen, Schulen und Bildungseinrichtungen zu schließen, bot Kahoot daher den freien Zugang zu seiner umfassendsten Lösung, Kahoot! Premium an. Das Angebot ging an alle Schulen auf der ganzen Welt, die wegen des Virus schließen mussten.

„Wir wollten den Lehrenden alle Voraussetzungen geben, um die Fortschritte der Schülerinnen und Schüler zu verfolgen und die avancierten Analysen für den Unterricht zu nutzen“, sagt D'Arcy und erläutert, dass die Basic-Kahoot-Lösung nur die Möglichkeit bietet, Multiple-Choice-Fragen zu stellen.

„Mit Kahoot! Premium aber können die Lehrerinnen und Lehrer offene Fragen und Arbeitsaufgaben stellen, die die Schüler zeitunabhängig lösen können. Das gibt den Schülern die Möglichkeit, sehr selbständig an den Aufgaben zu arbeiten“, erläutert er.

D'Arcy hebt die gute technische Infrastruktur und die digitale Kompetenz als wichtige Faktoren für den Erfolg Norwegens beim Homeschooling während der Coronakrise hervor.

Lesefreude beim Homeschooling mit Lesemester

Monica Berntsen, Lehrerin an der norwegischen Schule in Rojales, Spanien, hält den digitalen Fortschritt der norwegischen Schule nicht für selbstverständlich.

Sie ist seit vielen Jahren eine treibende Kraft für digitale Unterrichtswerkzeuge und nutzt in ihrem Unterricht häufig die Online-Lernplattform Lesemester. Lesemester bietet Kindern und Jugendlichen Zugriff auf über tausend E-Books und verfügt über viele nützliche Funktionen im Unterrichtskontext. Unter anderem können die Schüler an Quizfragen teilnehmen, Punkte für den Fortschritt sammeln und die Inhalte im Hörbuchformat anhören.

Es überrascht nicht, dass Lesemester seit Beginn der Corona-Maßnahmen ein enormes Wachstum verzeichnet hat. Zuvor hatte die Plattform täglich 1.000 bis 2.000 Nutzer verteilt auf etwas mehr als 250 Schulen. Nachdem nun Homeschooling notwendig wurde, hat sich dieser Wert auf 16.000 bis 18.000 Nutzerinnen und Nutzer in über 2.000 Schulen erhöht.

„Eine Herausforderung beim regulären Unterricht besteht darin, dass wir nicht immer genug Buchexemplare für alle Schüler haben. Und auch nicht jede und jeder hat das gleiche Erfolgserlebnis beim Lesen. So gesehen ist Lesemester ein brillantes Werkzeug. Die Schüler lesen dasselbe Buch, sammeln Punkte und schließen über das Tool Lesefreundschaften“, so Berntsen.

Seit seiner Einführung im Jahr 2017 hat Lesemester eine große Auswahl an Büchern in allen drei in Norwegen verwendeten Schriftsprachen (Bokmål, Nynorsk und Samisch) aufgenommen. Auch eine Reihe von englischen Büchern für Kinder und Jugendliche hat Eingang in die digitalen Bücherregale gefunden. Sowohl Belletristik als auch Fachbücher in verschiedenen Schwierigkeitsgraden sind erhältlich.

„Lesesemester ist ein Portal, das die Schülerinnen und Schüler motiviert, viel und oft zu lesen. Der Service gibt Lehrenden gute Einblicke und Analysen in das Lesetempo, sie sehen, wo Schüler abfallen, und sie können das Leseverständnis durch Quizaufgaben verfolgen“, erklärt Rune Vindenes, Geschäftsführer von Lesemester.

Monica Berntsen ist froh, dass E-Learning-Tools wie Lesemester in Norwegen so weit verbreitet sind.

„Ich kann den Leseunterricht fortsetzen und kann sicher sein, dass alle Schüler Zugang zu den Büchern haben. Somit fällt dieser Teil des Unterrichts während der Krise nicht weg. Die Zukunft liegt im digitalen Bereich“, so Berntsen.

Beim E-Learning mit Kikora das Mathebuch umgehen

Von seinem Home-Office aus erlebt Lehrer Eivind Ljones Berge zurzeit eine ungewöhnliche Situation für einen Mathematiklehrer: Er muss penibel bis zum Beginn des Online-Unterrichts warten, den Schüler ihre Rechenaufgaben auf der Online-Lernplattform Kikora zu geben, damit diese sie nicht schon vor dem Unterricht gelöst haben.

„Heute hatten die Schüler bis 11 Uhr Englisch und sollten ab 12 Uhr Mathe haben. Hätte ich die Aufgaben gestern schon auf Kikora gepostet, hätten sehr viele sie bereits gelöst“, so Ljones Berge, der Kontaktlehrer für die 8. Klassen und Fachkoordinator für Mathematik an der Ellingsrud-Schule in Oslo ist.

Die E-Learning-Plattform Kikora wird mittlerweile von 250.000 norwegischen Schülerinnen und Schülern benutzt. Täglich werden mehr als eine Million Mathematikaufgaben gelöst - eine Verdoppelung seit der Zeit vor der Corona-Situation. Der Schlüssel zum Erfolg ist, dass Kikora den vielleicht wichtigsten Aspekt des Unterrichts widerspiegelt: die Möglichkeit, vollständige Berechnungen durchzuführen, bei denen der Prozess selbst genauso wichtig ist wie das Ergebnis.

Ljones Berge glaubt, dass der Hauptgrund für das große Engagement darin besteht, dass Kikora die Schüler durch „Belohnungen“ motiviert, die Aufgaben zu lösen, beispielsweise durch virtuelle Pokale. Dies gibt ihnen ein Erfolgserlebnis, das sonst schwer herzustellen ist, wenn die Schüler nicht physisch im Klassenzimmer anwesend sind.

„Die Schülerinnen und Schüler kennen das von Computerspielen, und es bringt sie dazu, sich mit den Problemen zu befassen. Ich erlebe, dass viele Schüler das Mathematikbuch umgehen wollen“, so Ljones Berge.

Anders Baumberger, Redakteur bei Kikora, betont, dass das Tool den traditionellen Unterricht nicht ersetzen sollte. Es soll vielmehr ein Instrument sein, das die soziale Interaktion im Digitalen fördert. Baumberger glaubt, dass jetzt mehr Menschen den Wert des E-Learnings erkennen werden.

„Es wird interessant sein zu sehen, ob die Corona-Situation die Entwicklung auch dort beschleunigen wird, wo die Digitalisierung noch nicht so weit gekommen ist. Ich nehme an, dass viele deutsche Schulen gerade gezwungen sind, digitale Lösungen zu verwenden, die sie noch nie zuvor genutzt haben. Ich hoffe, dass sie so zu einem ausgewogeneren Unterricht kommen, bei dem sie das Beste aus beiden Welten nutzen können“, so Baumberger.

No Isolation bietet Homeschooling mit Roboterunterstützung

Wenn die Schülerinnen und Schüler nach und nach in die Klassenzimmer zurückkehren können, ist zu hoffen, dass viele Menschen im Schulsystem die digitalen Werkzeuge, die sie beim E-Learning kennengelernt haben, mit dorthin bringen.

Dennoch: Niemand weiß genau, wie der Übergang von der Corona-Situation aussehen wird - und für viele wird die Krise viel länger dauern als für andere.

„Viele tausend Kinder haben Probleme, wie z.B. ein schwaches Immunsystem. Sie werden nicht in den normalen Alltag zurückkehren können, solange noch ein Infektionsrisiko besteht“, sagt Hans Fredrik Vestneshagen vom norwegischen Technologieunternehmen No Isolation.

No Isolation stellt den Roboter AV1 her, einen kleinen Kommunikationsroboter, der für Kinder mit Langzeiterkrankungen entwickelt wurde, um an der Schule und anderen sozialen Aktivitäten teilnehmen zu können. Vestneshagen ist verantwortlich für die Arbeit von No Isolation in deutschen Schulen und erläutert, dass bereits drei große Projekte in Berlin, Kiel und Hamburg laufen. Er erzählt, dass sowohl Schüler als auch Lehrer sehr gute Erfahrungen mit dem AV1-Roboter im Klassenzimmer gemacht haben.

Estera Kluczenko/No Isolation

„Deutschland liegt bei der Digitalisierung der Schulen hinter Norwegen zurück, aber man steht dem AV1 sehr positiv gegenüber. Zusammen mit den lokalen Schulsystemen haben wir gründlich getestet, dass die Roboter technisch gut arbeiten. Und wir haben viel Zeit mit Lehrern und Eltern verbracht, damit sie verstehen, wie es funktioniert», sagt Vestneshagen.

Und so funktioniert es: Das Kind meldet sich mit einer App an und kann über den kleinen weißen Roboter im Klassenzimmer die Mitschüler sehen und hören und mit ihnen sprechen. Über die intuitive App kann sich das Kind melden und sowohl Freude als auch Staunen ausdrücken.

„Wenn die Mehrheit wieder auf der Schulbank sitzt, kann AV1 denjenigen, die noch zu Hause bleiben müssen, eine physische Präsenz verleihen. Sie kommen auf eine Weise zur Schule zurück, obwohl sie selbst nicht physisch anwesend sein können“, erläutert Anna Holm Heide, Leiterin Kommunikation bei No Isolation.

No Isolation hat viel Zeit und Mühe aufgewendet, um sowohl Sicherheit als auch Datenschutz zu gewährleisten. Nur die Kinder zu Hause können die Verbindung zum Roboter herstellen, es ist nicht möglich, den Videostream aufzuzeichnen, und alle Daten werden verschlüsselt.

Heide ist zuversichtlich, dass die Mitschülerinnen und Mitschüler sich gut um die weißen Stellvertreter kümmern werden, wenn sich Klassenzimmer und Schulhöfe wieder füllen können.

„Dies sind die Augen und Ohren von Kindern, die nicht körperlich beteiligt sein können. Obwohl sich die Dinge wieder normalisieren, dürfen wir diejenigen nicht vergessen, die nicht anwesend sein können“, so Heide.

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Tina Fraune
Senior Advisor bei Innovation Norway in Deutschland