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Unternehmen im Bereich Smart Cities reagieren schnell auf die Corona-Krise

10. November, 2020
VON The Explorer

Hugh Han/Unsplash

Resilient, nachhaltig und agil – jetzt ist die Zeit gekommen für Smart Cities. Hoch-innovative norwegische Unternehmen können den Weg weisen.

Die COVID-19-Pandemie hat den Zugang zu vielen Dienstleistungen eingeschränkt, die wir in einer modernen Stadt für selbstverständlich halten, vom öffentlichen Verkehr bis hin zu Recyclingstationen.

Gleichzeitig haben sich neue Möglichkeiten für Smart Cities, intelligente Städte ergeben, und eine Reihe norwegischer Unternehmen hat diese schnell genutzt.

„Bis vor kurzem hatten wir einen guten Überblick über die Herausforderungen der Urbanisierung – sowohl für die Gegenwart als auch für die kommenden Jahrzehnte“, sagt Trygve Meyer, Chief Sustainability Officer und Leiter von Nordic Edge, Norwegens offiziellem Smart City Innovation Cluster.

„Alle sprachen über zwei Dinge: den Klimawandel und den demografischen Wandel, bei dem die alternde Bevölkerung und der Run auf die Städte im Mittelpunkt standen. Aber dann kam die Pandemie und stellte die Gesellschaft auf den Kopf.“

Digital oder Pleite

Die digitale Transformation, die sich seit mehr als 20 Jahren vollzieht, habe sich in nur vier Wochen auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigt, so Trygve Meyer. Die Menschen hätten noch nie so viel digital gearbeitet: „Wir mussten uns in vielerlei Hinsicht ändern und alte Gewohnheiten ablegen.“

„Früher war es einfacher, in ein Flugzeug nach Oslo zu steigen als ein Meeting über die Teams-Software abzuhalten. Auch das hat sich geändert. Die große Frage ist, wie lange diese Veränderungen anhalten werden. Ich glaube, dass bis zu 75 Prozent der Änderungen von Dauer sein werden. Jetzt, da die Leute sehen, was möglich ist, werden wir wahrscheinlich nur in besonderen Fällen zu alten Gewohnheiten zurückkehren.“

Inzwischen sind sowohl die regionalen als auch die nationalen Behörden mit den exorbitanten Kosten zur Bewältigung der Krise konfrontiert, und zur Normalität zurückzukehren wird noch mehr kosten:

„Die Kommunen müssen ihre Gürtel künftig enger schnallen und ihren Einwohnern trotzdem einen guten Lebensstandard bieten. Die Digitalisierung wird hier der Schlüssel sein. Mit anderen Worten: wir brauchen intelligente Städte“, so Meyer.

Unternehmen sind schnell auf den Beinen

Zu Beginn der COVID-19-Krise passten sich große und kleine Unternehmen in ganz Norwegen mit Rekordgeschwindigkeit an die neue Situation an, und es wurden Innovationen und neue Marktmöglichkeiten entwickelt.

„Viele Unternehmen haben eine 180-Grad-Wendung gemacht und existierende Produkte genutzt, um neu auftauchende Probleme zu lösen.“

Trygve Meyer, Nordic Edge

Hier eine Auswahl an Unternehmen, die auf der Grundlage vorhandener Technologien schnell neue Lösungen entwickelt haben.

„Netflix für Smart Cities“

Der Softwarehersteller InfoTiles bietet Programme zur Nutzbarmachung von Daten. Hauptprodukt des Unternehmens sind Lösungen zur Überwachung und Optimierung der Infrastruktur, wie z.B. Wasser- und Abfallbehandlung in norwegischen Gemeinden. Die Anwendungen helfen den Gemeinden, mehr für weniger Geld zu erreichen, indem die Infrastruktur mithilfe großer Datenmengen und Sensortechnologie analysiert wird

„Wir waren mitten in einer Investorenrunde, als COVID-19 auftauchte. Nun standen wir vor der Frage: Was tun?“, erzählt Johnny Alexander Gunneng bei InfoTiles. Gunneng erinnert sich, wie in den folgenden Wochen alles in der Schwebe war. Doch dann meldete sich der Smart City Manager der Gemeinde Stavanger, Gunnar Crawford, und fragte, ob das Unternehmen helfen könne, Daten über die Verbreitung von Viren zu sammeln – regional, national und international.

„Wir haben uns darauf eingelassen und schnell eine Lösung entwickelt, die Einblick in die heutige Nutzung der Stadt mit Hinweisen auf das Bewegungsmuster der Einwohner zulässt“, so Gunneng.

Die Lösung nutzt offene Daten aus einer Vielzahl von Quellen und gibt den norwegischen Kommunen Einblicke in die Reaktion der Einwohner auf die Pandemie. Zum Beispiel hätten Daten der norwegischen Straßenverwaltung gezeigt, dass der Verkehr in Stavanger von 1,6 Millionen Autos auf 0,5 Millionen Autos pro Tag zurückging, so Gunneng. Auch arbeite das Unternehmen mit einem Mobilfunkbetreiber zusammen, um herauszufinden, wie die Mobilität in kleineren Gruppen analysiert werden kann. Er nennt die Lösung „Netflix für Smart Cities“.

„Anstatt einen von einem Algorithmus empfohlenen Film zu streamen, kann unser System unseren Kunden Daten präsentieren, die für sie wirklich relevant sind. Menschen, die im Bereich Bereitschaft arbeiten, sind beispielsweise nur an Bereitschaftsdaten interessiert, während Menschen, die mit Parks und Straßen zu tun haben, ganz andere Erkenntnisse brauchen.“

Inzwischen konzentriert sich InfoTiles zunehmend auf das Thema Klima und Nachhaltigkeit. „Es gibt einen stetig wachsenden Bedarf an Daten zu Extremwetter und zur Hochwasser-Bereitschaft – und nicht zuletzt zur Ausbreitung von Krankheiten“, sagt Gunneng.

Wichtige Informationen, geliefert mit künstlicher Intelligenz

Viele norwegische Gemeinden nutzen bereits den Chatbot „Kommune-Kari“, der vom norwegischen Unternehmen für künstliche Intelligenz Boost.ai in Zusammenarbeit mit Sem & Stenersen Prokom entwickelt wurde. Dieser Chat-Dienst für Gemeinden ermöglicht die Kommunikation mit den Kunden zur Lösung einfacher Sachverhalte, kann aber auch kompliziertere Anfragen beantworten. Damit entfallen lange Wartezeiten in der Telefonschleife.

„Einer der vielen Vorteile von Kommune-Kari ist, dass dieses Chat-Tool über zwei Arten von Informationen verfügt: globale und lokale. Wir speisen Daten, die für ganz Norwegen gelten, wie z.B. Gesetze und Vorschriften, in die globale Intelligenz ein. Danach geben die Gemeinden selbst ihre Daten in die lokale intelligente Datenbank ein und bieten so ihren Einwohnern einen kompletten Service“, sagt Bo Johannesen, Leiter Commercial Delivery bei Boost.ai.

Als das Coronavirus zuschlug, wurden von heute auf morgen völlig neue Informationen abgefragt.

„Weil den Menschen empfohlen wurde, zu Hause zu bleiben, suchten sie von zu Hause aus auf ihren Computern nach Informationen. Wir fütterten unser System daher schnell mit allen COVID-19-bezogenen Daten und speisten die nationalen Richtlinien ein, sobald sie fertig waren, damit die Gemeinden sie mit lokalen Informationen ergänzen konnten. So war sichergestellt, dass die Einwohner schnell auf wichtige Informationen zugreifen konnten, ohne unzählige Websites mit vielen bürokratischen Begriffen durchsuchen zu müssen“, erklärt Johannesen.

„Es gibt ganz eindeutig einen enormen Informationsbedarf in der Öffentlichkeit. Nachdem die Pandemie ausgebrochen war, erhöhte sich die Zahl der Konversationen über Kommune-Kari um 75 Prozent. Die Krise hat das System wirklich auf die Probe gestellt“, sagt Anders Mærøe von Sem & Stenersen Prokom.

„Wir haben von überall her Fragen bekommen – von Teenagern, die die Schule satthatten und nach dem Sinn des Lebens suchten, bis zu Menschen, die überraschend offen über ihre psychischen Gesundheitsprobleme berichtet haben. Diese Offenheit war möglich, weil die Kunden wissen, dass die Daten absolut anonym sind.“

Vierundvierzig Prozent aller virtuellen Gespräche mit Kommune-Kari fanden außerhalb der Öffnungszeiten der Behörden statt. Das heißt, die Menschen erhielten Antworten, egal, ob die Büros besetzt waren oder nicht.

„Während der Krise haben wir festgestellt, dass Technologie nicht mehr Arbeit für die Gemeinden schafft. Im Gegenteil, es hat die Arbeitsbelastung verringert“, sagt Mærøe und weist zufrieden darauf hin, dass der Einsatz neuer Technologien so funktioniert hat wie beabsichtigt.

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Besserer Überblick auf und Einblick in Prozesse

Als Mitte der neunziger Jahre die norwegische Öl- und Gasindustrie alle Verfahren digitalisierte, gehörte die norwegische Firma Qualisoft zu den Softwareunternehmen, die hierfür die entsprechenden Lösungen bereitstellte. Seitdem bietet Qualisoft maßgeschneiderte digitale Lösungen für das Prozessmanagement und die Unternehmensarchitektur für zahlreiche Sektoren an – unter anderem für Gemeinden.

„Wir waren in einer guten Position, um zu reagieren, als COVID-19 Norwegen und die Welt traf“, erzählt Grete Jevnaker Thomassen, Personal-, Kultur- und Innovationsmanagerin bei Qualisoft.

„Obwohl wir uns jetzt auf die Entwicklung einer Art ‘digitaler Hub’ für intelligente Städte konzentrieren, handelt es sich dabei nicht direkt um eine COVID-19-bezogene Maßnahme. Doch bei der Bewältigung der neuen Herausforderungen wird sie auf jeden Fall hilfreich sein“, so Thomassen.

Von dem digitalen Hub aus können alle Dienstleister und Lieferanten sowohl Einwohnern als auch Besuchern relevante Produkte und Dienstleistungen anbieten – Buchungslinks, Informationen zu Bereitschaftsplänen oder andere nützliche Informationen.

„Es wird ein gutes Werkzeug für die Entwicklung intelligenter Städte sein, denn der Hub ermöglicht einen Überblick und die Kontrolle über alle mit der intelligenten Stadt verbundenen Anwendungen“, sagt Thomassen.

Qualisoft konzentriert sich auch verstärkt auf das Thema Nachhaltigkeit und hat kürzlich einen engagierten Nachhaltigkeitscoach eingestellt.

„Wir schaffen ein separates System, das es leichter macht, diejenigen Akteure zu erkennen, die nach den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung oder anderen Nachhaltigkeitsrichtlinien arbeiten.“

Grete Jevnaker Thomassen, Qualisoft

„Mithilfe einer Öko-Karte kann beispielsweise nachverfolgt werden, was zur Vermeidung von Emissionen nötig ist oder was passiert, wenn der Verkehr zu stark wird. Diese interaktive Karte zeigt jedem, wie sich einzelne Entscheidungen auf die Umwelt auswirken“, so Grete Jevnaker Thomassen.