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Algen: eine schnell wachsende Ressource für die künftige Ernährung

10. November, 2020
VON The Explorer

Shane Stagner/Unsplashed

Norwegische Unternehmen erforschen, wie Algen als Lebensmittel für morgen genutzt werden können.

Obwohl die Ozeane mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken und der Meeresboden von Meerespflanzen überwuchert ist, werden die meisten Pflanzen, die wir essen, an Land kultiviert.

Dabei hätte der Verzehr von Gewächsen aus dem Meer – insbesondere von Algen – gleich mehrere ökologische Vorteile. Algen tragen zu einer gesunden Ernährung bei und reduzieren die Emission von Treibhausgasen. Die landbasierte Landwirtschaft dahingegen verursacht zehn bis zwölf Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen, und ihre stetige Expansion bedroht die globale Artenvielfalt.

Viele Expertinnen und Experten sind der Meinung, dass wir gerade erst begonnen haben, die Vielseitigkeit von Algen zu entdecken. Zoe Christiansen, Gründerin und CEO von The Northern Company, ist eine davon.

„Das Potenzial liegt in der Tatsache, dass es sich um eine äußerst nachhaltige Ressource handelt, die für sehr viele Zwecke genutzt werden kann. Zurzeit ist es wahrscheinlich am einfachsten, Algen in Lebensmitteln zu verwenden. Algen können aber auch zu Biokraftstoff und zu Fasern für die Textilindustrie verarbeitet oder als Kunststoffersatz verwendet werden“, erklärt Christiansen.

Zoe Christiansen, Gründerin und CEO von The Northern Company, singt ein Hohelied auf den Seetang.

Alex Asensi / The Northern Company

Nachhaltige Ressource

Seetang ist eine Makroalge, die zusammen mit Mikroalgen über 70 Prozent des weltweiten Sauerstoffs produziert. In Bezug auf die Gesamtbiomasse gibt es schätzungsweise neunmal mehr Algen im Ozean als Pflanzen an Land.

Die nachhaltige kommerzielle Nutzung von Algen wird von der Wissenschaft und von Unternehmen gleichermaßen erforscht. Und die Mikroalgenindustrie in Norwegen erlebt gegenwärtig eine rasante Entwicklung.

Doch Zoe Christiansens große Leidenschaft gilt den Braunalgen und dem Seetang. „Der große Vorteil von Braunalgen und Seetang ist, dass sie extrem schnell wachsen. Riesentang oder Macrocystis pyrifera wächst unter optimalen Bedingungen bis zu einem Meter pro Tag“, erklärt Christiansen.

In Norwegen beschäftigen sich verschiedene Unternehmen mit Seetang. Zoe Christiansen und The Northern Company konzentrieren sich auf die nachhaltige Ernte von wildwachsenden Braunalgen und Seetang.

Aber Seetang eignet sich auch für die künstliche Aufzucht in Aquakulturen. Er kann sogar die Versauerung der Ozeane bekämpfen und hat somit mehrere Vorteile für die Umwelt. Er ist nicht nur eine nachhaltige Ressource für Lebensmittel, Materialien und Treibstoffe, sondern unterstützt eben auch die Gesundheit der Meere.

Das norwegische Unternehmen Seaweed Energy Solutions bietet Technologien und Dienstleistungen an, mit denen Unternehmen die administrativen und technischen Herausforderungen bei Anbau und Ernte von Seetang bewältigen können. Lofoten-Algen und Austevoll-Algen AS konzentrieren sich unterdessen auf die Verarbeitung von Algen zu Lebensmitteln.

Momentan steht die Nutzung von Seetang noch am Anfang. Vegar Johansen, CEO des Forschungsinstituts SINTEF Ocean, ist davon überzeugt, dass Norwegen bis 2050 über 20 Millionen Tonnen Makro- und Mikroalgen mit einem Marktwert von mehr als vier Milliarden US-Dollar produzieren kann.

Thomas Peham / Unsplashed

Eine fantastische Zutat

Algen gelten als eines der nahrhaftesten Lebensmittel überhaupt. Sie nehmen Mineralien direkt aus dem Meer auf und sind reich an Mikronährstoffen und Vitaminen. Einige Arten enthalten sogar mehr Eiweiß als Fleisch und mehr Kalzium als Milch.

Zoe Christiansen weist darauf hin, dass es in Asien zwar bereits einen riesigen Markt für Algen gibt, Europa jedoch längst noch nicht erkannt hat, was für eine wertvolle Ergänzung Algen für unseren Speisezettel darstellen. Allerdings ändere sich die Sicht auf die Meeresspeise momentan.

„Algen werden in Küstengemeinden auf der ganzen Welt konsumiert, insbesondere in Asien. Wir haben in Europa nicht die gleiche Tradition wie in Asien. Bei uns sind die Menschen erst vor etwa zehn bis 15 Jahren auf Algen als Lebensmittel aufmerksam geworden. Hier gibt es ein enormes Potenzial – und einen Konsens darüber, dass der Konsum zunehmen wird.”

In der Spitzengastronomie schlagen Algen bereits Wellen. In Norwegen stehen sie häufig auf der Speisekarte der gehobenen Restaurants, beispielsweise in einem der exklusivsten Fischrestaurants der Welt, dem Unterwasserrestaurant Under. Spitzenköche seien seit langem Fans dieser Zutat. Jetzt, so Christiansen, ist die Herausforderung, auch normale Menschen davon zu überzeugen.

„Die Herausforderung besteht darin, zu lernen, wie man Algen so zubereitet, dass sie gut schmecken. Algen sind eine fantastische Zutat, aber um die richtige Textur und den richtigen Geschmack zu bekommen, müssen Sie wissen, was Sie tun. Das kann natürlich ein Hindernis für die Durchschnittsverbraucher sein.

Fingertang, eine Braunalgenart aus der Ordnung der Laminariales

Zoe Christiansen / The Northern Company

Investitionen in die Produktentwicklung erforderlich

Zum Einsatz von Makroalgen und Mikroalgen als nachhaltige Alternative für Fisch- und Tierfutter, Treibstoff, Textilfasern und Kunststoff müssen noch viele Technologien entwickelt werden. Wenn es um Algen als Lebensmittel geht, so ist Zoe Christiansen überzeugt, entscheidet die Nachfrage über das Wachstum der Produktion.

„Wenn wir mehr in die Entwicklung von Produkten investieren, an denen die Verbraucher interessiert sind, kann die Algenproduktion gesteigert werden. Wenn wir die Nachfrage steigern können, wird das Produktionsvolumen entsprechend wachsen.“

Dies allerdings umfasse mehr als die Überzeugung von Köchen und Verbrauchern. Christiansen sieht zum Beispiel ein großes Potenzial für den Einsatz von Algen bei der Herstellung von Fisch- und Fleischersatz aus dem Labor. Hier könnten Algen als Zutat eine Rolle spielen, um den Produkten den richtigen Geschmack zu verleihen.

Christiansen, die sich seit sieben Jahre mit Braunalgen und Seetang beschäftigt, ist fest davon überzeugt, dass die Entwicklungen nur in eine Richtung weisen: nach oben.

„Das Bewusstsein für den Einsatz von Algen in der Lebensmittelindustrie nimmt zu. Die Nachfrage wird in den kommenden Jahren wachsen, da sind sich alle in der Branche einig. Die Frage ist nur: Wie schnell?"

Und obwohl Christiansen selbst aus Dänemark stammt, schwärmt sie für Algen aus Norwegen:

„Die entlang der norwegischen Küste wachsenden Braunalgen sind besser als Algen von jedem anderen Ort der Welt, da die norwegischen Meere relativ sauber sind. Seetang gedeiht außerdem am besten in kalten Gewässern mit starken Meeresströmungen. Genau das hat Norwegen zu bieten.”