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Norwegens Küstenschifffahrt: Hauptsache emissionsfrei

19. März, 2020
VON The Explorer

Das neue Cargoschiff der Egil Ulvan Reederei wird mit LNG betrieben und verfügt auch über einen Batterieantrieb.

Norwegens Green Shipping-Programm schafft die umweltfreundlichste Küstenflotte der Welt.

Die maritime Wirtschaft Norwegens soll umweltfreundlicher werden. Bis 2030 sollen die von Schifffahrt und Fischerei erzeugten Emissionen halbiert werden. Einen entsprechenden Aktionsplan veröffentlichte die norwegische Regierung am 20. Juni 2019.

Das Programm ist das Ergebnis einer öffentlich-privaten Partnerschaft zwischen dem Klassifizierungs- und Beratungsunternehmen DNV GL, dem norwegischen Ministerium für Klima und Umwelt und dem norwegischen Ministerium für Handel, Industrie und Fischerei. 34 Partner aus dem privaten Sektor und Beobachter der öffentlichen Behörden sind an dem Programm beteiligt.

Der Aktionsplan soll die Arbeitsweise der Schifffahrt in Norwegen revolutionieren und die weltweit effektivste und umweltfreundlichste Flotte von Küstenschiffen schaffen. Egal, ob die Schiffsneubauten mit Batterien, Flüssigerdgas (LNG), Biokraftstoff oder anderen grünen Brennstoffen betrieben werden – Hauptsache, sie stoßen keine Treibhausgase oder nur minimal Treibhausgase aus. Der Wettbewerb um die besten Technologien ist in Norwegen in vollem Gange.

Narve Mjøs, Direktor des Green Shipping-Programms beim Klassifizierungs- und Beratungsunternehmen DNV GL

Eine Botschaft – viele Akteure

Insgesamt hat sich die norwegische Regierung verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 50 bis 55 Prozent zu senken. „Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn die norwegische Schifffahrtsindustrie einen entsprechend hohen Anteil an den Einsparungen übernimmt“, sagt Narve Mjøs, Direktor des Green Shipping-Programms bei DNV GL.

Um der Dringlichkeit der Umstellung der Schifffahrt auf neue Antriebsformen Nachdruck zu verleihen, wurde eine Studie zu den Emissionen der norwegischen Schifffahrtsindustrie erstellt. „Wir haben festgestellt, dass es in vielen Schlüsselbereichen an Wissen fehlt, unter anderem in Bezug auf die erheblichen Auswirkungen der maritimen Aktivität auf die Klima- und Umweltbilanz Norwegens. Wir hatten keine verlässlichen Zahlen. Jetzt wissen wir, dass neun Prozent der norwegischen Kohlendioxidemissionen von der Schifffahrt verursacht werden, auf die auch 34 Prozent der Stickoxidemissionen und 25 Prozent der Schwefeloxidemissionen entfallen“, erklärt Mjøs.

Dass diese konkreten und hohen Zahlen auf dem Tisch lagen, habe die weitere Zusammenarbeit erheblich erleichtert. Die gesamte Branche habe sich hinter dieser einen, düsteren Botschaft vereint.

Von der Elektrifizierung bis zu den Hafengebühren

Das norwegische Green Shipping-Programm befasst sich mit möglichen Maßnahmen und Instrumenten in sieben Schiffskategorien: Fahrgastschiffe und Fähren, Kreuzfahrtschiffe und größere Passagierfähren, Frachtschiffe, Offshore-Schiffe, Spezialschiffe, Fischereifahrzeuge und Freizeitboote.

Als Instrumente, um das anspruchsvolle Klimaziel in den nächsten Jahren zu erreichen, nennt die Regierung die Elektrifizierung der Schifffahrt über Batterien und Hybridlösungen und den verstärkten Einsatz von LNG und Biogas, Unterstützung für den Aufbau von Infrastrukturen wie Ladestrom und Wasserstoff, eine reduzierte Stromsteuer und umweltabhängige Hafengebühren.

„Der Fokus auf die grüne Schifffahrt ist ein wichtiger Schritt in der Klimapolitik. Wir senken die Emissionen zu Hause, stärken die Industrie und helfen, neue und klimafreundliche Technologien zu entwickeln, die global exportiert werden können. So tragen wir zu Wachstum und Beschäftigung entlang der gesamten Küste bei“, erklärte Premierministerin Erna Solberg bei der Präsentation des Papiers.

Das weltweit erste autonome emissionsfreie Containerschiff „Yara Birkeland“ soll noch in diesem Jahr seinen Betrieb aufnehmen. Es ersetzt 40.000 Lkw jährlich.

Folgende Maßnahmen sind im Aktionsplan festgelegt:

  1. Ausarbeitung weiterer Programme zur finanziellen Unterstützung von Bezirksgemeinden, die emissionsarme und emissionsfreie Lösungen als Kriterium bei Ausschreibungen für Schnellboote und Fährverbindungen einführen wollen

  2. Förderung der verstärkten Nachfrage nach umweltfreundlichen Transportlösungen auf See. Die Regierung wird die Industrie auffordern, eine Absichtserklärung zur umweltfreundlichen Erneuerung der Flotte für Frachtschiffe zu erörtern

  3. Bewertung der Anforderungen an emissionsfreie und emissionsarme Lösungen für neue Schiffe in der Ölindustrie und für Serviceschiffe in der Aquakulturindustrie

  4. Schaffung emissionsfreier Häfen bis 2030, wo dies möglich ist

  5. Einrichtung eines Umweltnutzensystems für emissionsfreie und emissionsarme Schiffe in norwegischen Schiffsregistern (NIS und NOR).

Ambitioniert und konkret

Die Ziele der Norweger sind ambitioniert und konkret. Hier einige Beispiele: Bis 2022 soll mehr als ein Drittel der Autofähren des Landes über einen elektrischen Antrieb verfügen.

Das weltweit erste autonom und elektrisch fahrende Transportschiff “Yara Birkeland” wird noch in diesem Jahr starten. Im Zeitraum 2021 bis 2030 sollen die Reedereien auf der Küstenroute Bergen-Kirkenes die durchschnittlichen jährlichen Emissionen ihrer Schiffe auf der Route um mindestens ein Viertel gegenüber den Emissionen im Jahr 2015 senken. Im Herbst 2021 wird die weltweit erste wasserstoffelektrische Fähre auf der Verbindung Hjelmeland-Skipavik-Nesvik in der Region Rogaland in Betrieb genommen.

Die ersten fünf Pilotprojekte des Programms sind in Arbeit, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf umweltfreundlichen Kraftstoffen und energieeffizientem Design liegt. „Mit dem Green Coastal Shipping-Programm wollen wir Norwegen zu einem weltweiten Schaufenster für grüne Küstenschifffahrt machen“, sagt Narve Mjøs. „Mit den ersten fünf Pilotprojekten sind wir auf einem guten Weg.“

Folgende Arbeiten haben Partner der Initiative bereits in Angriff genommen:

  1. Bau und Entwicklung einer Plug-In-Hybrid-Frachtfähre: Dank eines Plug-in-Hybrid-LNG /Batterie-Antriebssystems ist dieses kurze Seecontainerschiff beim Ein- und Ausfahren in den Hafen und im Hafenbetrieb emissionsfrei. Sobald das technische Konzept entwickelt ist, berechnet das Logistikunternehmen Nor Lines als Projektleiter den ökologischen Fußabdruck des Schiffes und prüft, ob eine Weiterentwicklung kostengünstig ist.

  2. Entwicklung und Bau grüner Shuttle-Tanker der nächsten Generation: Die Batterietechnologie wurde noch nie zuvor in Shuttle-Tankern eingesetzt. In diesem Projekt, geleitet von Teekay Tankers Ltd., wird untersucht, wie Batterien den Tankerbetrieb verbessern, den installierten Stromverbrauch eines Schiffs reduzieren und möglicherweise als Energiereserven verwendet werden können. Zusätzlich wird geprüft, wie die während des Schiffsbetriebs erzeugten flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) genutzt werden können. Durch das Auffangen und Kondensieren dieser Gase in Flüssigkeiten könnten VOCs als Energiequelle verwendet werden, wodurch der Kraftstoffverbrauch und die Umweltbelastung des Tankers verringert werden.

  3. Bau und Entwicklung eines Hybrid-Ozean-Landwirtschaftsschiffes: Mit diesem Projekt soll herausgefunden werden, wie das beste Hybrid-Antriebssystem für Seeschiffen aussehen muss. Die Projektführer ABB und die Cargo Freighters' Association untersuchen, wie diese Boote, die als Zubringer zu Fischfarmen dienen, in verschiedenen Betriebsmodi energieeffizienter gefahren und positioniert werden können, insbesondere im dynamischen Positionierungsmodus auf der Fischfarm.

  4. Umwandlung eines Standardfrachters: Dieses Projekt zielt darauf ab, einen Standard-Frachter in einen Frachter zu verwandeln, der mit einer Mischung aus LNG- und Batterietechnologie betrieben wird. Das Schiff soll während des Hafenbetriebs keine Emissionen verursachen. Die Projektleiter Øytank Bunkerservice AS und der norwegische Gasverband werden untersuchen, ob der Umbau eines bestehenden Frachtunternehmens für kleine LNG-Transportunternehmen kostengünstiger sein könnte.

  5. Green-Port-Projekt: Mit dem fünften Pilotprojekt werden Technologien zur Senkung des Energieverbrauchs und des CO₂-Fußabdruck im Hafen von Risavika in Stavanger im Südwesten Norwegens getestet – einschließlich der möglichen Elektrifizierung schwerer Lastkraftwagen und Kräne, intelligenter Zugänge für umweltfreundlichere Transporte und Ladestationen für Plug-in-Hybridschiffe.

Sobald diese Pilotvorhaben die Konzeptphase durchlaufen haben, wird jeder der Projektleiter die Umweltauswirkungen und -kosten abwägen, bevor er entscheidet, ob die Technologien weiterentwickelt werden sollen. Norwegen, das bereits weltweit führend bei der Einführung von Hybrid- und Elektroautos ist, könnte in Bezug auf die Küstenschifffahrt denselben globalen Maßstab setzen.

IMO-Klimaziele als Treiber norwegischer Technologie

Die Akteure der norwegischen Industrie liefern bereits emissionsfreie und emissionsarme Technologien für den Weltmarkt. Und dieser Markt wird wachsen. 2018 hat sich die Seeschifffahrtsorganisation der Vereinten Nationen (IMO) das Ziel gesetzt, die Treibhausgase in der internationalen Schifffahrt bis 2050 zu halbieren. Das heißt, wohl jeder Reeder muss in die Antriebsformen seiner Schiffe investieren, um künftig internationalen Umweltstandards gerecht zu werden.

Die Norweger stehen bereit, ihre Technologien und die inzwischen umfangreichen Erfahrungen zu vermarkten. Die norwegische Regierung will, unter anderem mit der Umsetzung des Aktionsplanes, sicherstellen, dass die norwegische maritime Industrie gut gerüstet ist, um ein bedeutender Lieferant für den bevorstehenden grünen Übergang in der globalen Schifffahrt zu sein.

Narve Mjøs ist optimistisch, dass das gelingt. Der norwegische Reederverband verfolge seit zehn Jahren eine Null-Emissions-Strategie. „Kein anderer Reederverband der Welt hat eine so proaktive Klima- und Umweltstrategie. Die norwegische Schifffahrtsindustrie ist insgesamt sehr vorausschauend und proaktiv.” Das lässt sich belegen: Die erste batteriebetriebene Fähre “Ampere” startete 2015 das Zeitalter der E-Mobilität auf dem Wasser, das erste elektrische Fischerboot “Karoline” schnurrt seit 2016 über die norwegischen Fjorde. Das weltgrößte Hybridschiff verbindet seit Sommer 2019 Sandefjord in Norwegen mit Strömstad in Schweden und das weltweit erste Hybrid-Expeditionsschiff „MS Roald Amundsen“ führt seine Gäste seit vergangenem Jahr in die wunderbare Welt der Antarktis.

So unterschiedlich die Antriebssysteme auch sind, so verschieden die Größen und die Verwendung der Schiffe – sie haben eines gemeinsam: Sie sind Pioniere und Game-Changer und senken die Emissionen der Schifffahrt beträchtlich.