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Corona-Krise löst Digitalisierungsboom im Gesundheitswesen aus

11. Juni, 2020
VON The Explorer

Allerorten wird der Gesundheitssektor in Rekordgeschwindigkeit digitalisiert. Folgende digitale Anwendungen aus Norwegen bieten Patientinnen und Patienten mehr Sicherheit und machen die Behandlung effizienter.

„Die Corona-Zeit hat den Einsatz digitaler Gesundheitstools deutlich angekurbelt. Immer mehr Menschen sehen, dass es gute digitale Anwendungen gibt, mit denen man sich als Patient sicher fühlt und gleichzeitig der Datenschutz gewährleistet ist.“

Dies erklärt Tine Radmann von Norway Health Tech, einem führenden norwegischen Cluster für Gesundheitstechnologie mit rund 280 Mitgliedsunternehmen. Obwohl die Digitalisierung von Gesundheitsdiensten Zeit und Ressourcen erfordert, ist Radmann zuversichtlich, dass es sich auf lange Sicht lohnt: „Jetzt sieht man besonders deutlich, wie wichtig es ist, einen guten digitalen Werkzeugkasten zu haben.“

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Tina Fraune
Senior Advisor bei Innovation Norway in Deutschland

Einrichtung eines deutschen Corona-Krankenhauses mit norwegischem Fachwissen

Das norwegische Unternehmen Dossier Solutions spürt deutlich, dass sich die Digitalisierung der Krankenhäuser beschleunigt hat. Dossier bietet eine Software an, die Informationen zu Kompetenzen und Weiterbildungen von Gesundheitspersonal an einem Ort sammelt und digitalisiert.

„In Krankenhäusern haben sehr viele Menschen einen kontinuierlichen Bedarf an Weiterbildungen, Zertifizierungen und Kursen, um ihre Arbeitsaufgaben ausführen zu können“, sagt Kari Hubner, Nordic Sales Manager bei Dossier Solutions.

Doch ohne geeignete Hilfsmittel ist es nicht leicht zu verfolgen, wer in einem großen Krankenhaus was qualifiziert tun darf.

„Die meisten digitalen Anwendungen decken nur einen Teil dessen ab, wofür es im Krankenhaus einen Bedarf gibt. Daher werden Excel-Tabellen und physische Ordner genutzt, die manuell aktualisiert werden müssen. Letzteres kann oft einen ganzen Raum füllen“, so Hubner.

Mit dem Dossier-System werden alle relevanten Informationen an einem Ort gesammelt. Die Angestellten und die Leitung des Krankenhauses sparen wertvolle Zeit, und das System trägt zu größerer Patientensicherheit und höhere Behandlungsqualität bei.

„Aufgrund von Corona haben wir mehr zu tun als je zuvor. Dies ist ein unbekannter Virus, von dem man wenig weiß. Das Personal im Gesundheitswesen muss sich an ständig neue Regeln zur Infektionskontrolle anpassen – diese haben sich zum Teil von Tag zu Tag geändert. Daher sehen viele den Bedarf für ein effektives Informationssystem, das man schnell aktualisieren kann“, sagt Hubner.

Ende März 2020 wurde Dossier beauftragt, beim Aufbau eines provisorischen Corona-Krankenhauses in Hannover zu helfen.

„Wir mussten einen Schulungsplan für Tausende von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit unterschiedlichen Qualifikationen erstellen, unter unsicheren Hygieneanforderungen, alles von Grund auf. Das war wirklich eine Herausforderung“, so Iris Meyenburg-Altwarg.

Meyenburg-Altwarg ist Leiterin der Krankenpflegeausbildung an der Medizinischen Hochschule Hannover und war ein zentrales Mitglied des Teams, das in Rekordgeschwindigkeit ein Notfallkrankenhaus baute.

Glücklicherweise musste das Krankenhaus nie genutzt werden - aber auch dank Dossier war alles bereit für den Fall, dass die Krise größer werden sollte.

„Mein Eindruck ist, dass Dossier gut funktioniert hat. Es ist einfach und intuitiv zu bedienen. Das ist wichtig: Als Führungskraft braucht man eine einfache und visuelle Darstellung, wer sich auf welcher Ebene befindet. Man hat keine Zeit, zwanzig Seiten über jeden Mitarbeiter zu lesen.“

Confrere bringt die Sprechstunde ins Wohnzimmer

Doch was tun, wenn man nicht zur Hausärztin oder zum Hausarzt in die Praxis kommen kann oder will? Dann hilft Confrere, ein norwegischer Videodienst, der auf eine sichere Kommunikation zwischen Ärztin oder Arzt und Patientin oder Patient zugeschnitten ist.

„Es ist ganz einfach. Die Patientin oder der Patient erhält eine SMS mit einem Link, und schon ist man online. Man braucht keinen technischen Support. Jeder, auch 80-Jährige, können allein damit umgehen.“

Das erklärt Ärztin Berit Bartnes vom Nardosletta Medical Center. Sie ist seit über 20 Jahren Allgemeinmedizinerin und setzt Confrere seit zwei Jahren ein.

„Confrere war während der Corona-Krise besonders nützlich. Und für uns war es sehr praktisch, dass wir die Anwendung bereits vorher genutzt hatten.“

Wie viele andere Ärzte hatte auch Bartnes das Gefühl, dass aus Angst vor einer Corona-Infektion weniger Menschen in die Sprechstunde kamen. Dies bedeutete jedoch nicht, dass der Bedarf an medizinischer Versorgung gesunken war.

„Hier in der Praxis haben wir zu Beginn der Pandemie einen starken Andrang in der Zentrale verzeichnet. Viele hatten Fragen und wollten mit ihrer Hausärztin sprechen. In dieser Situation war es besonders wichtig, diese Plattform zu haben, damit wir eine Sprechstunde ohne Praxisbesuch anbieten konnten“.

Es überrascht nicht, dass Confrere in letzter Zeit viel zu tun hatte, wie Dag Inge Aas, Chief Technology Officer bei Confrere, erzählt.

„Früher nutzte eine von zwanzig norwegischen Hausarztpraxen Confrere. Mittlerweile sind mehr als die Hälfte aller Allgemeinmediziner im Land aktive Nutzer“, erläutert er.

„Als die Pandemie kam, mussten wir uns wirklich ins Zeug legen. Es wurde schnell zu einer „Alle Mann an Deck“-Situation. Doch es war gut zu spüren, dass wir in dieser Krise einen konkreten Beitrag leisten und helfen konnten.“

Obwohl Video-Konsultationen den physischen Arzttermin nicht ersetzen können, geht Aas davon aus, dass der Video-Termin auch nach dem Ende der Corona-Pandemie normal bleiben wird.

„Derzeit werden etwa fünfzehn Prozent aller medizinischen Arzttermine in Norwegen per Video durchgeführt - eine Verfünffachung gegenüber der Zeit vor dem Ausbruch des Coronavirus. Wir halten es für realistisch, dass auch nach der Pandemie noch zehn Prozent der Arztbesuche digital durchgeführt werden können.“

Effektive und sichere Betreuung von Patienten mit CheckWare

Eine weitere, von zu Hause aus nutzbare Anwendung ist das norwegische Tool CheckWare. CheckWare ermöglicht es Patientinnen und Patienten, ihren Gesundheitszustand online an Arzt oder Ärztin zu übermitteln. CheckWare wird von Krankenhäusern, Kliniken und Gemeinden genutzt, um Patienten zu begleiten, Behandlungsausfälle zu messen und um digitale Behandlungsprogramme anzubieten.

„CheckWare stellt sicher, dass wichtige Fragen gestellt und die Antworten dann bei der Behandlung berücksichtigt werden. Die Therapeutin oder der Therapeut erhält einen besseren Überblick über das, was für Patientin oder Patient am wichtigsten ist und kann entsprechend Prioritäten setzen.“

So erklärt es Per Arne Holman, Leiter der Analyseabteilung am Diakoniekrankenhaus Lovisenberg in Oslo. Dort ist CheckWare ein selbstverständlicher Bestandteil des psychologischen und psychiatrischen Behandlungsangebots.

„CheckWare liefert uns auch Daten für ein Qualitätsregister, das wir selbst erstellt haben. Mit vielen Daten über viele Patienten über einen langen Zeitraum können wir untersuchen, wie sich unsere Organisationstruktur auf die Behandlung auswirkt“, so Holman.

Heidi Blengsli Aabel ist die Geschäftsführerin von CheckWare. Sie erläutert, dass die Anwendung in Krankenhäusern und Ambulanzen, im Bereich Psychiatrie, Suchttherapie, Rehabilitation und Somatik eingesetzt wird. Mehr als 90 Prozent der Abteilungen für Psychiatrie und Suchttherapie in Norwegen haben Zugang zu CheckWare. In Großbritannien stehen mehrere "NHS-Trusts" auf der Kundenliste.

CheckWare bietet nicht nur eine bessere Betreuung für Patientinnen und Patienten, sondern verringert auch die Anzahl unnötiger Arztbesuche. Dies hat sich während der Corona-Krise als sehr nützlich erwiesen.

„Als die Corona-Pandemie begann, wurde CheckWare besonders wichtig, um Patienten zu betreuen, ohne dass diese in die Sprechstunde kommen mussten. Wenn keine direkte Nachsorge erforderlich ist, braucht man also nicht in die Praxis“, sagt Aabel.

Auch Aabel glaubt, dass die Pandemie die Digitalisierung des Gesundheitswesens beschleunigt hat.

„Aufgrund von Corona haben wir gesehen, wie wichtig digitale Gesundheitsdienste für die Gesellschaft sind. Solche Lösungen sind heute zu „need to have" geworden, nicht mehr nur „nice to have“.“

Auch Trine Radmann von Norway Health Tech glaubt, dass die digitalen Lösungen bleiben:

„Ich denke, der verstärkte Technologie-Einsatz, den wir während der Pandemie gesehen haben, wird sich fortsetzen. Zu den langfristigen Vorteilen der digitalen Infrastruktur gehören eine höhere Qualität von Behandlung und Pflege sowie mehr Gesundheit für jeden investierten Euro“, schließt sie.

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Tina Fraune
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