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Wie die Kreislaufwirtschaft das Geschäft verändert

11. November, 2020
VON The Explorer

TOMRA Collection Solutions Digital

Kreislaufwirtschaft ist ein oft genutzter Begriff in der Businesswelt. Aber was bedeutet er? Und wie nutzen Unternehmen die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft, um nachhaltiger zu werden und gleichzeitig ihre Einnahmen zu steigern?

Es ist eine beunruhigende Tatsache: Fast 92 Prozent der weltweiten Ressourcen – darunter Metalle, Kunststoffe, Holz, Beton, Chemikalien und alle anderen im Umlauf befindlichen Materialien – werden nur einmal in einem einzigen Produkt verwendet, bevor sie zu Abfall werden. Diese Abfälle jedoch stellen einen enormen Pool an Ressourcen dar, die mit minimalen Auswirkungen auf die Umwelt genutzt werden könnten.

Dabei ist es allerdings von entscheidender Bedeutung, dass die Ressourcen in einem ständigen Kreislauf von Nutzung und Wiederverwendung bleiben, unter Verwendung von erneuerbaren Energiequellen, um die Nachhaltigkeit zu gewährleisten.

Außerdem muss ein Verständnis dafür bestehen, dass jeder Akteur in der Kreislaufwirtschaft (Unternehmen, Person oder Organismus) mit den anderen Akteuren verbunden ist und dass die Handlungen des einen die anderen beeinflussen (dies wird als Systemdenken bezeichnet).

Letztlich lässt sich die Kreislaufwirtschaft am besten mit Lego vergleichen: Es geht um eine Welt, in der alle Produkte aus Teilen bestehen, die während ihrer gesamten Lebensdauer wiederholt verbaut werden können, auch zu sehr unterschiedlichen Produkten. Ein solcher Prozess braucht eine Infrastruktur, die den Fluss gebrauchter Materialien und deren Verwendung fördert, eine Stromproduktion aus erneuerbaren Energien und ein Verständnis dafür, dass alles miteinander verbunden ist.

Der Umgang mit Ressourcen in der Kreislaufwirtschaft umfasst vier zentrale Bereiche: Reduzieren, Wiederverwenden, Recyceln und Wiederherstellen. Norwegische Unternehmen setzen bereits in allen Bereichen entsprechende Lösungen in der Praxis um.

Norsk Gjenvinning stellt hochwertiges Papier aus Altpapier her und macht es so zu einem attraktiven Recyclingmaterial.

Reduzieren: Den Abfall durch effizientere Materialnutzung begrenzen

In einer Kreislaufwirtschaft kommt es darauf an, von Anfang an möglichst wenige Materialien zu verwenden. Die Logik ist einfach: Durch einen geringeren Materialeinsatz können mehr Produkte mit weniger Ressourcen hergestellt werden, wodurch der Abfall reduziert wird. Das allerdings erfordert Fortschritte in der Produktionstechnik. Ein vielversprechender Prozess ist hier die additive Fertigung.

Bei der traditionellen Herstellung wird das Material häufig zerkleinert, geschnitzt und weggefräst, bis die gewünschte Form erreicht ist. Die additive Fertigung dagegen entfernt keine Schichten, sondern baut Schichten auf. Durch CAD-Software (Computer Aided Design) und 3D-Druck kann mit dieser Technologie die erforderliche Materialmenge für die Herstellung von Teilen und Komponenten erheblich reduziert werden. Abfall fällt auf diese Weise nicht mehr an.

Nehmen wir zum Beispiel die Titanproduktion. Mit herkömmlichen Methoden werden 150 Tonnen Rohmaterial benötigt, um 15 Tonnen Titankomponenten herzustellen – nur zehn Prozent des Rohmaterials finden sich im Endprodukt wieder. Mit der additiven Fertigung und der patentierten Rapid Plasma Deposition-Technologie halbiert der norwegische Titanhersteller Norsk Titanium die Abfallmenge und reduziert so den Umfang der benötigten Rohstoffe erheblich.

In ähnlicher Weise stellt das norwegische Unternehmen Hy5 hochmoderne Handprothesen im 3D-Druck her und reduziert so den Materialbedarf auf ein Minimum.

Ein anderer Ansatz besteht darin, Produkte für den Mehrzweckgebrauch zu entwickeln. Wenn ein einzelnes Produkt vielfältig einsetzbar ist, werden weniger Rohstoffe benötigt. Ein gutes Beispiel ist BRIGHT Products AS, ein Hersteller von Solarlampen für Kommunen und humanitäre Einrichtungen in Regionen, die nicht an Stromnetze angeschlossen sind. Die multifunktionale SunBell Smart-Lampe des Unternehmens kann als Taschenlampe, Deckenleuchte, Arbeitsleuchte oder als Ladegerät für Smartphones ihren Dienst tun.

Die Handprothese MyHand wird vom Unternehmen Hy5 aus leichtem, 3D-gedrucktem Titan und Kunststoff hergestellt.

Wiederverwendung: Intelligentere Verteilung

In einer Kreislaufwirtschaft ist die Verwendung von Produkten genauso wichtig wie deren Herstellung. Bibliotheken sind vielleicht das beste Beispiel für das Prinzip der Wiederverwendung: ein einziges Buch kann den Bedarf von Hunderten von Lesern decken. Die Kreislaufwirtschaft will genau diese Praxis erweitern.

Die norwegischen Unternehmen Fjong und Tise zum Beispiel bringen diese Denkweise in die Modebranche. Die Schnelllebigkeit in der Mode führt zu enormer Umweltbelastung, einschließlich mikroplastischer Meeresverschmutzung. Wenn mehr gebrauchte Kleidung gekauft wird, verringern sich die Abfallberge in der Textilindustrie. Tise hat daher eine Plattform und eine App für den Wiederverkauf oder zum Verschenken gebrauchter Kleidung entwickelt. Die Hemmschwelle, die viele Konsumenten beim Betreten von Secondhand-Laden haben, wird damit überwunden. Bei Fjong können Kunden die Kleidung mieten, anstatt sie zu kaufen. So wird verhindert, dass Kleidungsstücke nur einmal, zweimal oder nie getragen werden, bevor sie auf der Halde landen.

Die Nabobil- und Hyre-Plattformen wiederum vermitteln Privatwagen als Mietwagen. Der individuelle Fahrzeugbesitz ist nicht mehr die einzige Möglichkeit, schnell und preiswert ein Auto zur Verfügung zu haben. Über die Plattform Nabohjelp werden dahingegen Elektrowerkzeuge und -geräte für die Instandhaltung zu Hause ausgeliehen. Teilen statt kaufen schont die Umwelt und den Geldbeutel.

Recyceln: Neue Produkte aus gebrauchten Materialien

Beim Recycling werden aus gebrauchten Materialien neue Produkte hergestellt. In einigen Branchen ist das Recycling weit verbreitet. Aluminium zum Beispiel ist unendlich recycelbar und das Recycling benötigt nur 5 Prozent der ursprünglich benötigten Energie. Norsk Hydro gehört durch den Einsatz erneuerbarer Energien und energieeffizienter Prozesse weltweit zu den Marktführern beim Einsatz von gebrauchtem Aluminium.

Auch die norwegischen Verbraucher sind in den Recycling-Prozess eingebunden. Mit Lösungen der Unternehmen Infinitum Movement oder TOMRA Collection Solutions werden in Norwegen 97 Prozent aller im Umlauf befindlichen Dosen und Flaschen gesammelt und weiterverarbeitet.

Ein potenzielles Problem bei der Aufbereitung und Wiederverwendung von Produkten besteht oft darin, dass einige recycelte Produkte nicht die Qualität neuer Produkte erreichen. Doch zumindest bei Papier ist dies nicht der Fall: Norsk Gjenvinning produziert Recyclingpapier, das neuem Papier in nichts nachsteht.

Die Pilotanlage von Norsk Hydro in Karmøy ist die weltweit umweltfreundlichste und energieeffizienteste Produktionsanlage für Aluminium.

Wiederherstellen: Abfall in Ressourcen verwandeln

Alle Branchen produzieren Abfälle und Nebenprodukte. In einer Kreislaufwirtschaft wird dieser Abfall jedoch als Ressource genutzt. Neben der Bereitstellung wertvoller Ressourcen bietet die Verwendung von Abfall auch Anreize für die Abfallbewirtschaftung und verhindert so weitere Umweltverschmutzung.

Es gibt zahlreiche Beispiele für norwegische Unternehmen, die neue Wege zur Abfallverwertung finden – oft branchenübergreifend. Das Team des Biotechnologie-Unternehmens Marealis AS zum Beispiel, spezialisiert auf die Entwicklung und Herstellung natürlicher Gesundheitsprodukte aus Meeresprodukten, hat herausgefunden, dass Garnelenschalen aus der Fischindustrie den Blutdruck senken können. Ein entsprechendes Patent für die Herstellung eines blutdrucksenkenden Mittels wurde in Kanada angemeldet.

Hias, ein Betreiber von Wasseraufbereitungsanlagen in den norwegischen Gemeinden Hamar, Løten, Ringsaker und Stange, hat ein biologisches Verfahren zur Abwasserbehandlung entwickelt. Bis zu 80 Prozent des weltweiten Abwassers werden unbehandelt in die Natur freigesetzt und stellen Gesundheitsrisiken für Mensch und Ökosystem dar. Der Hias-Prozess reinigt das Abwasser und extrahiert gleichzeitig Phosphor, eine wertvolle Ressource für den Agrarsektor.

Waste-to-Energy (WtE) ist ein weiteres Paradebeispiel für das Prinzip der Rückgewinnung in der Praxis. Hierbei wird bei der Aufbereitung von Hausmüll Energie und Wärme erzeugt, die in den umliegenden Gemeinden zum Heizen verwendet wird. Das norwegische Unternehmen OiW Process geht mit seinem NORSEP-Prozess sogar noch einen Schritt weiter und extrahiert aus der Asche, die in Müllaufbereitungsanlagen anfällt, wertvolle Materialien, die in der Verarbeitungsindustrie gebraucht werden.

Die Schwerindustrie nutzt ihre unerwünschten Nebenprodukte ebenfalls, um etwas Wertvolles zu schaffen. Finnfjord „füttert“ mit den CO2-Emissionen aus seiner Ferrosiliciumproduktion Algen, die ein vielversprechender und nachhaltiger Rohstoff für die Zukunft sind.

Auch wenn alle diese Beispiele nur Schritte hin zu einer vollständig zirkulären Wirtschaft darstellen, zeigen sie doch, dass Technologien und Wissen für eine komplette Kreislaufwirtschaft bereits in einer Reihe von Sektoren vorhanden sind. Lesen Sie hier das Interview mit Circular Norway, um einen detaillierten Überblick über den Weg zu einer Kreislaufwirtschaft zu erhalten.

Manchmal kommen große Dinge in kleinen Paketen: Beim patentierten biologischen Hias process®. wird Abwasser effektiv biologisch gereinigt, ohne dass teure und klimaschädliche Chemikalien verwendet werden. Das Hias-Verfahren® erzeugt einen phosphorreichen Bioschlamm, der ein bis zu 50-prozentiges Recycling von Phosphor ermöglicht. Das Phosphor kann in der Düngemittelindustrie wiederverwendet werden.