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Wissen aus der Öl- und Erdgas-Industrie für Offshore-Windparks einsetzen: Norwegische Unternehmen sind Meister der Diversifikation

Energie
PUBLIZIERT AM MAI 08, 2019
LESEDAUER: 5 MINUTEN
VON THE EXPLORER

Thinkstock Photos

Energie
PUBLIZIERT AM MAI 08, 2019
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VON THE EXPLORER

Der Wechsel von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien kann nicht über Nacht erfolgen. Das Eine lässt sich nicht einfach durch das Andere ersetzen. Es wird ein stufenweiser Prozess sein, der durch eine Vielfalt von Faktoren beeinflusst wird, von internationalen Regelwerken über Ölpreise und –finanzierungen bis hin zu Kostenniveaus, technischen Entwicklungen und der Mentalität der Leute.

Um die Energiewende möglich zu machen, ist Diversifikation notwendig – die Fähigkeit, neue Industrien oder Märkte zu erschließen. Das Wissen aus bestehenden Sektoren kann genutzt und Synergien können ausgeschöpft werden, um innovative Lösungen für neue Industrien zu entwickeln.

Ausweitung auf Offshore-Windparks

Der Wechsel von der Offshore-Öl- und –Erdgas-Gewinnung zu Offshore-Windanlagen ist ein Musterbeispiel für die norwegischen Wertschöpfungsketten.

Auch Großkonzerne sind an vorderster Stelle mit dabei. Equinor nutzte zum Beispiel seine Expertise aus Jahrzehnten im Öl- und Erdgasgeschäft für die Entwicklung seiner innovativen Schwimmplattform für den Offshore-Windpark Hywind. Und Ulstein hat nun neben seinen Einsatzschiffen für Offshore-Öl- und –Gasanlagen auch welche für Offshore-Windparks im Repertoire.

Kleinere Versorgungsunternehmen weiten ihr Feld ebenfalls aus. Uptime liefert zum Beispiel bewegungskompensierende Gangways an diverse Offshore-Märkte – Öl, Gas und Wind. Eine steigende Zahl an Unternehmen der Branche sagt, dass sich ihre Öl- und Gasplattformen auch an neue Märkte anpassen lassen.

Ulstein

Ein wachsender Markt

Der Trend in Richtung Offshore-Wind ist nicht nur eine umwelttechnische Notwendigkeit, sondern auch ein gutes Geschäft. Laut der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien wird das weltweite Energiepotenzial von Offshore-Windenergie bis zum Jahr 2030 bei 100 Gigawatt liegen.

Ein Bericht, der 2017 von Norwegian Energy Partners in Auftrag gegeben wurde, beschäftigt sich exklusiv mit den Versorgungsmöglichkeiten von Offshore-Windparks. Aktuelle Marktvorhersagen schätzen, dass zwischen 2017 und 2025 rund 100 Milliarden Euro in die Offshore-Windindustrie fließen werden.

Firmen, die sich frühzeitig diversifizieren, werden ganz sicher einen Nutzen daraus ziehen.

Das Kind bleibt

Auch wenn das langfristige Ziel die Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen ist, zeigt die Forschung, dass es eine große Verschwendung wäre, das sprichwörtliche Kind mit dem Bade auszuschütten. Der norwegische Öl- und Gassektor verfügt über einen großen Schatz an Wissen, Produkten und Dienstleistungen, die für Offshore-Windparks, Offshore-Aquakultur, die Kohlenstoffbindung und –speicherung, Wasserkraft und so weiter genutzt werden können.

In jüngster Vergangenheit betrachteten diverse Forschungsteams am Zentrum für Technologie, Innovation und Kultur der Universität Oslo Firmen entlang der Wertschöpfungskette der Erdöl-Industrie und ihre Vorstöße in neue Märkte. Einer dieser Märkte ist die Offshore-Windenergie. Die Forscher untersuchten die Situation aus verschiedenen Perspektiven, so zum Beispiel aus technischer und marktrelevanter Sicht.

Laut den Autoren einer Studie gaben in der Umfrage sechs von 10 Offshore-Windfirmen an, dass ihre Tätigkeit auf den Erfahrungen aus der Öl- und Gasindustrie fuße.¹ Für Offshore-Windanlagen braucht es Fachwissen, die richtige Ausrüstung und geeignete Dienstleister. Aus rein technischer Sicht gibt es besonders in maritimen und untermeerischen Gebieten viele Überschneidungen. Somit stellt die Verlagerung existierender Technologien von Öl- und Gas-Plattformen hin zu Offshore-Windparks für die betreffenden Unternehmen kein unüberwindbares Hindernis dar. Das macht die Industrie als neuen Markt attraktiv.

Auch aus ökonomischer Sicht sind Offshore-Windanlagen interessant, da der Öl- und Gasmarkt stark fluktuiert.

Diversifikation eröffnet also nicht nur neue Geschäftsfelder. Die Unternehmen sind damit auch weniger stark von einem einzigen Markt abhängig. Sie können ihre Tätigkeiten und Ressourcen je nach Bedarf zwischen beiden Sektoren verlagern, sich aus ihrem Hauptmarkt zurückziehen und wieder in ihn eintreten.²

Not macht erfinderisch

Erdöllieferanten müssen einige Hindernisse überwinden, wenn sie in den Offshore-Windsektor vordringen wollen, sagen Forscher. Eine Hürde ist die Art, wie Technologien entwickelt werden. In der Öl- und Gasindustrie ist dieser Prozess vorwiegend reaktiv. Ölfirmen konfrontieren die Lieferanten mit einem spezifischen Problem, dass diese unter bestimmten Bedingungen lösen sollen.

Diese Art der Entwicklung und Anpassung gibt es bei Offshore-Windkraft nicht. Hier sind Lieferanten gefordert, ein Produkt gemäß aller relevanter Standards intern zu entwickeln und dann damit auf potenzielle Käufer zuzugehen. Dies erfordert ein höheres technologisches Bereitschaftsniveau und birgt größere Risiken. Dieses Problem umgehen Unternehmen, indem sie ihre Stärken allgemeiner definieren. So vermarkten sie sich zum Beispiel als Experten für Großprojekte allgemein – nicht nur im Öl- und Gassektor.³

Egal, welches Hindernis es zu überwinden gilt – ob es um technische Innovationen, neue Einsatzschiffe oder das Meistern akuter globaler Herausforderung geht – die Norweger haben demonstriert, dass sie bestens in der Lage sind, das Problem zu identifizieren, die Ärmel hochzukrempeln und es zu lösen. Not macht nun mal erfinderisch.

  1. “Established sectors expediting clean technology industries? The Norwegian oil and gas sector’s influence on offshore wind power”. Journal of Cleaner Production. Vol. 177, s. 813- 823. Tuukka Mäkitie, Allan D. Andersen, Jens Hanson, Håkon E. Normann, Taran M. Thune (2018). Centre for Technology, Innovation and Culture, University of Oslo.

  2. “The green flings: market fluctuations and incumbent energy industries’ engagement in renewable energy”. Tuukka Mäkitie, Håkon E. Normann, Taran M. Thune, and Jakoba Sraml Gonzalez (2018). Centre for Technology, Innovation and Culture, University of Oslo. TIK working papers on innovation studies. [https://ideas.repec.org/s/tik/inowpp.html] (https://ideas.repec.org/s/tik/inowpp.html)

  3. “Challenges for diversification into new markets for petroleum supply firms”. Allan Dahl Andersen and Magnus Guldbrandsen. Centre for Technology, Innovation and Culture, University of Oslo. Forthcoming in Thune, Engen & Wicken (2018): Transformation in the Petroleum Innovation System: Lessons from Norway and Beyond (Routledge, 2018).