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Northern Lights: Eine komplette Transport- und Speicherinfrastruktur für die CO₂-Emissionen Europa

23. Juni, 2021
VON The Explorer
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Alex Conu/VisitNorway.com

Industrieunternehmen in ganz Europa stehen heute alle vor einem Problem: Wohin mit den CO₂-Emissionen, die im Produktionsprozess anfallen? Die norwegische Initiative Northern Lights bietet eine Lösung: Die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid unter dem Meeresboden: Carbon Capture and Storage (CCS).

Laut einem Report von Carbon Limits und der Thema Consulting Group aus dem Jahr 2020 spielt CCS beim Erreichen eines klimaneutralen Europas eine zentrale Rolle. Dazu ist jedoch eine umfassende CO₂-Transport- und Speicherinfrastruktur vonnöten. Diese Infrastruktur allerdings ist heute noch nicht vorhanden.

„Derzeit gibt es noch keine Wertschöpfungskette für den Transport und die Speicherung von Kohlenstoff. Der Großteil aller Projekte zur Kohlenstoffabscheidung beschränkt sich auf eine einzige Quelle und ist direkt mit einem Speicher verbunden“, erläutert Sverre Overå.

Overå ist Leiter des Northern Lights-Projekts, einer Initiative der Unternehmen Equinor, Shell und Total, die den Weg für eine gemeinsame europäische Infrastruktur für Transport und Speicherung von Kohlenstoff ebnen will.

„Das Northern Lights-Projekt bietet einen kompletten Service für den Transport und die Lagerung von CO₂. Und ist damit ein völlig neues Geschäftsmodell“, erklärt Overå.

Northern Lights wird die erste Open-Access-Infrastruktur für den Transport von CO₂ ihrer Art sein - von den industriellen Onshore-Abscheidungseinheiten in Europa zum Offshore-Speicherort unter dem Meeresboden der Nordsee. Das Ziel ist, das Industrieunternehmen ihre CO₂-Emissionen abscheiden können, ohne ihre eigenen Transport- und Lagerlösungen von Grund auf neu entwickeln zu müssen.

„Durch die Bereitstellung eines offenen und zugänglichen Netzwerks für den Transport und die Lagerung von CO₂ wird Northern Lights vielen weiteren

Unternehmen die Tür zur Implementierung der Kohlenstoffabscheidung öffnen“, erwartet Sverre Overå.

Im März 2021 genehmigte das norwegische Energieministerium den Entwicklungsplan für den Aufbau der CO₂-Infrastruktur in Norwegen. Zeitgleich gründeten die drei Energiekonzerne das Joint Venture „Northern Lights JV DA“ zur Umsetzung des Vorhabens.

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Sverre Overå, Projektleiter von Northern Lights.

Arne Reidar Mortensen

Der Plan: eine ausbaufähige Wertschöpfungskette für CO₂

Die Vision von Northern Lights: Ein Netzwerk von Tankschiffen transportiert verflüssigtes CO₂ von Zwischenlagern in Europa zu einem Empfangsterminal in Øygården an der norwegischen Westküste. Die Emissionen werden dann behandelt, durch Pipelines gepumpt und zur Sequestrierung in eine Felsformation fast drei Kilometer unterhalb des Meeresbodens injiziert.

So können Industrieunternehmen ihre CO₂-Emissionen abscheiden, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, wo sie gelagert werden sollen. Die Lösung sei flexibel genug, um CO₂ von Standorten in ganz Europa zum Empfangsterminal nach Norwegen zu transportieren, erklärt Sverre Overå.

Das erste Bohrloch namens „Eos“ haben Equinor, Shell und Total bereits im Januar 2020 fertiggestellt, etwa einhundert Kilometer von der norwegischen Küste entfernt. Durch diesen Brunnen wird das Kohlendioxid in den Speicher unter dem Meeresboden versenkt, sobald Northern Lights im Jahr 2024 in Betrieb genommen wird.

„Wir bauen dieses System Schritt für Schritt auf. Es geht nicht darum, dass sofort alle europäischen Emissionen in Øygården ankommen, sondern wir wollen eine Wertschöpfungskette schaffen, die mit zunehmender Verbreitung der Kohlenstoffabscheidung wächst. Wir können mehr Schiffe hinzufügen, Zwischenlagerterminals erweitern und nach Bedarf weitere Löcher bohren“, sagt so Overå.

„In der ersten Phase werden wir die vorhandene Technologie nutzen. Um den Betrieb zu vergrößern und die Kosten zu senken, sind jedoch neue Lösungen, Innovationen und technologische Entwicklungen erforderlich. Dadurch können wir die Entwicklung dieses äußerst wichtigen Marktes beschleunigen“, erläutert Overå weiter.

Zusammenarbeit mit Microsoft

Um die Vision eines europäischen CCS-Netzwerks zu verwirklichen, hat Northern Lights Absichtserklärungen mit einer Vielzahl von Industrie- und Energie-Schwergewichten unterzeichnet, darunter Air Liquide, ArcelorMittal, Ervia, FortumOyj, HeidelbergCement, Preem, Stockholm Exergi und die ETH Zürich.

„Wir sprechen über den Aufbau eines völlig neuen Ökosystems mit industriellen Akteuren, die es bisher nicht gewohnt sind, zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig müssen wir mit der Entwicklung unseres Geschäftsmodells einen Markt schaffen“, sagt Sverre Overå.

Im Oktober 2020 trat Microsoft dem Projekt bei. „Unser Ziel ist nicht nur, unsere Technologie und unser Know-how einzubringen, sondern auch zu erforschen, wie neue Lösungen wie das Northern Lights-Projekt uns dabei helfen können, unsere eigenen CO₂-Ziele bis 2030 zu erreichen“, erklärt Brad Smith, Präsident der Microsoft Corporation in einer Pressemitteilung.

Eine komplette Wertschöpfungskette zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung in Norwegen

Speziell in Sektoren wie der Müllverbrennung und der Zement- und Stahlproduktion ist es auf absehbarer Zeit technologisch unmöglich oder übermäßig teuer, CO₂-Emissionen zu eliminieren. Man kann sie zwar reduzieren, aber zur Erreichung der Netto-Null-Emissionsziele muss das verbleibende CO₂ abgeschieden und gespeichert werden.

Die Kohlenstoffabscheidung sei keine Alternative zur Elektrifizierung und zum Übergang zu erneuerbaren Energiequellen, erklärt Sverre Overå, sondern ein Instrument zur Beseitigung von Emissionen aus Sektoren, die nur sehr schwer zu dekarbonisieren sind.

Seit langer Zeit betont die norwegische Regierung die Bedeutung von CO₂-Abscheidung und -speicherung als Klimainstrument, sowohl in Norwegen als auch international, und treibt Technologieentwicklung und Pilotprojekte auf diesem Gebiet voran. Im Herbst 2020 genehmigte das norwegische Parlament Storting den Aufbau eines umfassenden integrierten CCS-Systems. Das so genannte Longship-Projekt beinhaltet die gesamte Wertschöpfungskette, von der Kohlenstoffabscheidung bis hin zu Transport und Speicherung. Es ist das weltweit erste Vorhaben seiner Art.

Neben Northern Lights umfasst das Longship-Projekt auch die staatliche Finanzierung einer Anlage zur Kohlenstoffabscheidung in der Zementfabrik von Norcem in Brevik. Außerdem beabsichtigt die norwegische Regierung die Finanzierung eine Anlage zur Kohlenstoffabscheidung in der Müllverbrennungsanlage von Fortum Oslo Varme in Oslo, sofern das Projekt ausreichende Eigenmittel sowie Mittel aus der EU bzw. anderen Quellen akquiriert.

Die norwegische Regierung hat rund zwei Milliarden US-Dollar in Northern Lights investiert – 80 Prozent des Gesamtbudgets für die ersten zehn Jahre. Je schneller sich der Markt für Kohlenstoffabscheidung entwickelt, umso schneller kann das Projekt Einnahmen aus dem Transport und der Speicherung von CO₂ erzielen.

„Dies sind gewaltige Investitionen”, stellt Sverre Overå fest. „Wir glauben aber, dass der Markt mit der Zeit profitabel wird und positive Auswirkungen auf die Umwelt und die norwegische Zulieferindustrie hat. Wir müssen Erfolg haben, wenn wir die Ziele des Pariser Abkommens erreichen wollen.“

Fakten über Northern Lights

  • Northern Lights betreibt den weltweit ersten CO₂-Speicher, der CO₂-Emissionen aus mehreren industriellen Quellen lagern wird.

  • Northern Lights umfasst den Transport, den Empfang und die Einlagerung von CO₂ in einem Reservoir unter dem Meeresboden der Nordsee.

  • Northern Lights wird laut Plan 2024 in Betrieb gehen. Dann sollen für Transport- und Lagerkapazitäten für jährlich bis zu 1,5 Millionen Tonnen CO₂ zur Verfügung stehen. Die Kapazität wird schrittweise auf fünf Millionen Tonnen pro Jahr erweitert.

  • Northern Lights erzielte mit seiner Probebohrung „Eos“ im März 2020 zufriedenstellende Ergebnisse.