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Norwegische Holzarchitektur: Nachhaltig und ästhetisch

6. Mai, 2019
VON The Explorer

Die Architekturwelt erlebt eine Renaissance des Holzes. Norwegen setzt mit nachhaltigen und ästhetisch überzeugenden Häusern, Verwaltungsgebäuden und anderen Bauten Maßstäbe. Durch die Kombination traditioneller Materialien mit neuen Verarbeitungstechniken verändern norwegische Architekten städtische Landschaften weltweit.

Die norwegische Tradition des Holzbaus geht bis in die Zeit der Wikinger zurück. Um auf dem rauen Meer zu bestehen, mussten sich ihre Schiffe mit den Wellen biegen und drehen können. Auch aus dem Mittelalter gibt es mit den ersten hölzernen Stabkirchen viele Zeugnisse kunstfertigen Holzbaus. Viele dieser Kirchen stehen noch heute.

„Wir verwenden Holz auf eine andere Art als bisher üblich und setzen es nachhaltiger ein, als andere das können“, sagt Børre Skodvin, Partner bei Jensen & Skodvin Arkitekter (JSA).

Hotelraum “Vogelnest”, Juvet Landschaftshotel, Norwegen

Jensen & Skodvin Arkitekter

Ein Material, viele Eigenschaften

Was schon die Wikinger am Holz faszinierte, gilt auch für moderne Gebäude: Holz ist als natürliches High-Tech-Material flexibel. Holzbauten können den Auswirkungen des Klimawandels, zum Beispiel Wirbelstürmen, besser widerstehen. Durch die Bearbeitungsmöglichkeiten von heute kann Holz es durchaus mit der Festigkeit von konventionellen Materialien wie Beton oder Stahl aufnehmen.

„In einer Welt, die wilder und feuchter wird, wächst das globale Interesse an fortschrittlicher Holzarchitektur“, so Skodvin.

Der Piren Pier, Trondheim

Rallar Arkitekter/Sophie Labonnote

Der Bausektor sucht zunehmend nach Cradle-to-Cradle-Lösungen, um dem Zustrom der Menschen in die Städte gerecht zu werden und die weltweit strengeren Umweltauflagen zu erfüllen. Auch hier passt Holz, denn es ist eine erneuerbare, lokale Ressource, hat eine geringere CO2-Bilanz und lässt sich schneller verbauen als herkömmliche Materialien.

„Der Wettlauf um höhere und größere Holzgebäude ähnelt dem, was wir vor 100 Jahren mit Beton erlebt haben“, stellt Jørgen Tycho von Oslotre fest, einem norwegischen Architekturbüro, das sich auf Holzbau spezialisiert hat.

„Die Verbraucher sind angesichts der Klimakrise zunehmend besorgt – und haben es satt, in Gipskästen zu leben und zu arbeiten. Sie wollen nichts bauen, was sie später bereuen werden“, betont Tycho.

Villa Løkken, Privathaus, Asker, Norway

Oslotre

Vom Design zur Fertigung

„Holzarchitektur ist von Natur aus erdverbunden, von und für den Menschen entworfen“, betont Dan Zohar von Haugen/Zohar Arkitektur (HZA), einem in Oslo ansässigen Architekturbüro, das sich auf Projekte zur Bewältigung sozialer und ökologischer Herausforderungen spezialisiert hat.

„Holz ist besonders nützlich in dicht besiedelten Gebieten, in denen Raum knapp ist und die Ausdehnung nach oben von Vorteil“, erklärt Zohar. HZA arbeitet derzeit mit Technion – Israel Institute of Technology daran, bestehende Gebäude umzugestalten, indem eine leichte und flexible Holzstruktur auf ihre Spitze gesetzt wird.

Ulsholtveien 31, Oslo, Norwegen. Mietwohnungen für junge Erwachsene mit Assistenzbedarf

HZA/Are Carlsen

Einfach nur schön

Auch die Ästhetik von Holz fasziniert Architekten. „Die Gebäude sehen aus, als ob sie an ihren Standort gehören würden und geben ihren Bewohnern ein Gefühl der Zugehörigkeit“, erklärt Børre Skodvin von der JSA. „Wir setzen uns für eine Architektur ein, die über die reinen Farben hinaus etwas in das Gebäude hineinträgt. Etwas, das die Menschen anspricht und sie dazu anregt, das Gebäude über einen langen Zeitraum zu erhalten."

Steinbruddet Hotel, Lofoten, Norwegen

Oslotre

Moderne Holzprodukte ermöglichen besondere Konstruktionen

Um ihre Visionen in eine dauerhafte, schöne Struktur zu überführen, benötigen Architekten oft mehr als Naturholz. Fortschrittliche Holzwerkstoffe teilen die vielen Vorteile von Holz. Sie können sogar den Kohlenstoff, der von dem Baum aufgenommen wird, aus dem sie hergestellt wurden, "einschließen".

Brettschichtholz zum Beispiel wird hergestellt, indem dünne Holzschichten mit Strukturkleber verbunden werden. Dieser Prozess ist mit zwei- bis dreimal weniger Energieaufwand verbunden als die Produktion von Stahlträgern. Balken aus Brettschichtholz bieten mehr Gestaltungsfreiheit als herkömmlicher Stahl, Stahlbeton oder traditionelle Holzkonstruktionen. Sie können größere Entfernungen ohne Zwischenstützen überbrücken und in gewölbten Bauten eingesetzt werden.

Dan Zohar bringt es auf den Punkt: „Angesichts so vieler positiver Eigenschaften in einem Material stellt sich heute gar nicht mehr die Frage, warum man mit Holz bauen sollte – eher im Gegenteil: Wir brauchen gute Argumente, wenn wir mit anderen Materialien bauen wollen.“

Modernes Eingangsgebäude aus Brettschichtholz am traditionellen Sognefjellshytta Hotel, Norwegen

Jensen & Skodvin Arkitekter

Alle Aspekte der Nachhaltigkeit

Holzarchitekten erforschen weiterhin, wie sie Holz, Holzprodukte oder -technologien nutzen können, um damit Bauwerke zu entwerfen, die auf den Standort und die Bewohner zugeschnitten und gleichzeitig unter Umwelt-, Wirtschaftlichkeits- und sozialen Aspekten nachhaltig sind.

„Wir sind fest entschlossen, eine großartige Holzarchitektur zu schaffen. Wenn wir eine Architektur entwickeln, die Bestand hat, werden die Menschen sie lieben – und sie wird nachhaltig sein“, sagt John Haddal Mork vom Architekturbüro Rallar Arkitekter.

Galerie, Rjukan Stadthütte, Norwegen

Rallar Arkitekter/Per Berntsen