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In der Bauindustrie Berge versetzen

6. Mai, 2019
VON The Explorer

Wie kann die Bauindustrie nachhaltiger werden? Hege Schøyen Dillner, Chief Sustainability Officer bei Veidekke, berichtet über ihre Erfahrungen.

Wenn die verschiedenen Akteure eines Bauprojektes zusammenarbeiten, können sie buchstäblich Berge versetzen – ohne dabei auch nur ein Gramm Kohlendioxid auszustoßen.

Das zeigt ein Beispiel: 2018 stieß Veidekke zum Tunnel-Bauprojekt TGB Smestad-Sogn in Oslo hinzu. Das Team verständigte sich darauf, das gesamte Bauprojekt CO2-neutral umzusetzen. „Der Vertrag war längst unterzeichnet, wir hätten das nicht tun müssen. Aber wir waren überzeugt, dass wir es hinbekommen würden, und wir hatten den Kunden auf unserer Seite“, sagt Hege Schøyen Dillner. Sie ist Chief Sustainability Officer bei Veidekke, einem der größten Bauunternehmen und Bauträger Skandinaviens. Das Unternehmen baut nahezu alles – unter anderem Geschäftsgebäude, Häuser, Schulen und Tunnel. Der Industrie-Großkonzern ist auch Norwegens größter Hersteller von Asphalt.

Dillner ist verantwortlich für die nachhaltige Umsetzung der gesamten Produktion. Dabei hat sich Veidekke ehrgeizige Ziele gesetzt. Bereits vor der Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens hatte das Unternehmen entschieden, seine Emissionen bis 2030 zu halbieren. Damit verbunden sollen bis 2050 insgesamt 90 Prozent der Emissionen wegfallen.

Hege Schøyen Dillner, Leiterin Nachhaltigkeit bei Veidekke

Damit dieser Sprung gelingen kann, wurde im Konzern hart daran gearbeitet, Materialien mit niedrigen Treibhausgasemissionen, kohlendioxidfreie Baustellen und energieeffiziente Gebäude zu entwickeln. Damit ist auch eine nachhaltige Grundstückserschließung verbunden. Im Zentrum stehen große und kleinere Entscheidungen in Bezug auf Logistik, Rahmenbedingungen der Projekte, Ausrüstung und Maschinen. Diese Entscheidungen müssen bereits in der Planungsphase getroffen werden – und danach tagtäglich vor Ort am Bau.

Als Auftragnehmer hat es Veidekke mit langen Wertschöpfungsketten, umfangreichen Investitionen und vielzähligen Kundenbeziehungen zu tun. An jedem Vertrag sind zahlreiche Partner, Lieferanten und Subunternehmer beteiligt.

„Ich bin somit nicht diejenige, die Nachhaltigkeit bei Veidekke vorantreibt“, betont Dillner. „Die Projektteams und jeder einzelne in den Abteilungen setzen dies um. Ich bin eine Katalysatorin und Cheerleaderin, eine, die sicherstellt, dass über Nachhaltigkeit diskutiert wird und die den Leuten einen Anstoß gibt.“

Doch das reicht bereits aus. Das Ergebnis könnte ein kohlendioxidfreies Tunnelprojekt sein – und eine ganze Industrie, die immer mehr Bewusstsein für ihren ökologischen Fußabdruck entwickelt.

TGB Smestad–Sogn Tunnel Project, Oslo

Vom ersten Tag an nachhaltig

In einem Unternehmen von der Größe Veidekkes und angesichts der hohen Zahl und Vielfalt von Produkten kann es nicht die Aufgabe einer einzelnen Person sein, Beschlüsse und Verfahren zum Verzicht auf Emissionen durchzusetzen.

„Es geht nicht darum, zu diktieren, sondern einen Kurs vorzugeben. Darum, zu motivieren und mit den verschiedenen Abteilungen zusammenzuarbeiten, um nachhaltige Wege für eine gute Geschäftsentwicklung zu finden und einen Mehrwert für unsere Kunden zu bieten.“

Für Veidekke als Bauunternehmer und Bauträger sind die Umweltgewinne abhängig von den Rahmenbedingungen, die vom Kunden vorgegeben werden. „In den meisten Projekten entscheidet der Kunde. Wir können versuchen, ihn zu beeinflussen, aber am Ende des Tages müssen wir liefern, was er verlangt hat. Wenn wir versuchen, etwas Teureres umzusetzen und der Kunde will nicht zahlen, wird es schwierig.“

„Wenn es uns dagegen gelingt, dass unsere Kunden von sich aus auf Nachhaltigkeit bestehen, dann steigen auch ihre Ansprüche an uns.“ Dillner hat die Erfahrung gemacht, dass es für Veidekke leichter ist, gute und nachhaltige Projekte zu entwickeln, wenn das Unternehmen den Kunden vorher dabei unterstützt hat, so früh wie möglich die richtigen Entscheidungen zu treffen.

„Bei vielen Projekten beobachte ich, dass wir sie besser hätten umsetzen können, wenn wir in einem früheren Stadium hätten Einfluss nehmen können. Alles beginnt mit den Bauherren, also ist es wichtig, dass sie den richtigen Auftrag geben. Meine Erfahrung zeigt, dass partnerschaftliche Bauverträge mit der Möglichkeit für ein frühzeitiges Feedback uns dabei helfen, mehr zu erreichen.“

Wir versuchen zu zeigen, dass nachhaltige Lösungen profitabel sein können – nicht einfach nur zusätzliche Kosten. Wir helfen den Kunden, den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes zu sehen und nicht nur die Baukosten.

Hege Schøyen Dillner

Besonders stolz ist Dillner auf das Veidekke-Team, das für die Zusammenstellung des elektrischen Schwerlast-Baumaschinenparks zuständig ist: Bagger, Ladefahrzeuge und vieles mehr, einschließlich des weltweit ersten vollelektrischen 25-Tonnen-Baggers.

„Aber es geht nicht nur darum, neue Geräte zu kaufen. Es ist nicht nachhaltig, funktionierende Maschinen einfach rauszuwerfen. Deshalb prüfen wir auch, welche Maschinen von herkömmlichem Diesel auf palmölfreien Biodiesel umgestellt werden können.“

Z-line elektrischer Raupenbagger von Pon Equipment

Stein um Stein

Veidekke macht nicht nur im Baustellenbereich Fortschritte. Das Unternehmen arbeitet auch intensiv dafür, dass die fertigen Gebäude umweltfreundlich und energieeffizient sind. Zahlreiche Veidekke-Bauten erzielen hohe Punktwerte bei der Zertifizierung durch BREEAM, das weltweit führende Bewertungssystem für die Nachhaltigkeit von Gebäuden.

„Wir haben zum Beispiel die Fachoberschule in Horten gebaut, Norwegens erste Schule, die von BREEAM ein ´Hervorragend´ für das Design erhalten hat“, sagt Dillner.

Obwohl sie sich über das Zertifikat „Hervorragend“ freut, ist es nicht Dillners Ziel, dies für so viele Gebäude wie möglich zu erreichen. Wenn es um nachhaltige Bauten geht, ist es ihrer Überzeugung nach wichtiger, eine gleichbleibende Qualität zu gewährleisten.

„Es geht nicht darum, nur in einzigartige Bauten in Großstädten zu investieren. Man muss sicherstellen, dass mehr Gebäude, sowohl in städtischen Gebieten als auch in Randgebieten, mit höheren Umweltzielen gebaut werden – ohne dass man gleich Bester der Besten wird. Aber markante Gebäude haben einen wichtigen Zweck, denn sie bringen uns dazu, uns anzustrengen und Kompetenz aufzubauen.“

Podiumsdiskussion auf der Jahreskonferenz von ZERO, einer norwegischen Umweltorganisation

Obwohl Veidekke viel erreicht hat, räumt Dillner ein, dass in der Bauindustrie noch viel zu tun ist. Besonders vermisst sie größere Investitionen in die Kreislaufwirtschaft.

„Uns fehlt ein gut funktionierender Markt für den Kauf und Verkauf gebrauchter Materialien. Wir wissen noch viel zu wenig über die Baustoffe, die wir in existierenden Gebäuden finden. Wir brauchen eine ordentliche Materialdatenbank mit genauen Informationen darüber, wann ein Gebäude gebaut wurde, mit welchen Materialien es gebaut wurde, wie lange diese halten werden und was wiederverwendet werden kann“, sagt sie.

Auch, wenn das Baugewerbe noch einen weiten Weg vor sich hat, bevor es sowohl emissionsfrei als auch zirkulär wirtschaftet, ist Dillner nicht mutlos. „Es wird dauern“, konstatiert sie. „Wir sprechen von langen und großen Wertschöpfungsketten, die die Richtung ändern müssen. Aber indem wir zielgerichtet mit enthusiastischen Menschen arbeiten, die etwas erreichen wollen, testen wir neue Lösungen. Wenn sie funktionieren, gelingt uns der Wandel.“

Ab 1. Juli 2019 wird Dillner Head of Social Relations, Members and international Activities in der Green Building Alliance. Dort wird sie ihren Einsatz für eine nachhaltige Bauwirtschaft fortsetzen.