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Häuser wie ein Baum

18. März, 2020
VON The Explorer

ANTI Hamar

Beton, Glas und Stahl bestimmen heute das Erscheinungsbild moderner Architektur. Doch mehr und mehr gelten hochwertige Gebäude aus Holz als Sinnbild zeitgemäßen Bauens.

Holz erlebt eine Renaissance – schließlich ist der Baustoff so stark wie Stahl und so feuerfest wie Beton, aber einhundert Mal klimafreundlicher. Dabei eignet sich Holz nicht nur für kleine Häuser auf dem Lande, sondern auch für die Bebauung in Metropolen. In Brumunddal in Norwegen zeigen Architekten, Zimmerleute und Bauarbeiter, was Holz leisten kann. Hier steht das höchste Holzgebäude der Welt, zertifiziert vom "Council on Tall Buildings and Urban Habitat" (CTBUH), Chicago, als “Tallest Timbre Building” und eingetragen in das Guinnessbuch der Rekorde. Es ist fast so hoch wie die Freiheitsstatue in New York und dabei ökologisch, sicher und schön – ein Haus wie ein Baum.

Fichtenduft in den Korridoren

Das 85,4 Meter hohe Gebäude Mjøstårnet (Mjøsa-Turm), benannt nach dem Mjøsa-See, an dessen Ufer es steht, wurde nach zweijähriger Bauzeit im März 2019 eröffnet. Von jedem der 18 Stockwerke aus hat man einen atemberaubenden Blick auf eine idyllische Landschaft. Mjøstårnet beherbergt Büros, 33 Wohnungen, ein Hotel mit 72 Zimmern, ein Restaurant und verfügt als Krönung über eine Dachterrasse, die von allen Bewohnern und Gästen genutzt werden kann. Ein städtisches Hallenbad gleich nebenan gehört zum Komplex und ist ebenfalls aus Holz gebaut.

Beton wurde bei Mjøstårnet im Fundament, im Boden des ersten Stockwerks und in den obersten Stockwerken verwendet, um das Gebäude nach oben hin schwerer zu machen. Stahl dient lediglich zur Verbindung der Balken. Ansonsten weht ein Hauch von Fichtenduft durch die Korridore. Für das Gebäude wurden nachhaltige Holzprodukte aus der Region eingesetzt, vorrangig norwegisches Brettschicht- und Massivholz sowie Kerto® LVL-Furnierschichtholz aus Finnland.

ANTI Hamar/Moelven Limtre AS

Holz als definitiver Gewinner beim Klimaschutz

Der verstärkte Einsatz von Holz als Baumaterial hat vor allem mit dem Ehrgeiz der Norweger zu tun, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 50 bis 55 Prozent zu senken. Stahl und Beton sind gute Baumaterialien, belasten aber in hohem Maße die Umwelt. Die weltweite Stahlproduktion ist für sieben bis neun Prozent der weltweiten Kohlenstoffemissionen verantwortlich. Die Zementindustrie verursacht acht Prozent.

Etwa 50 Prozent der weltweiten Stahlproduktion werden nach Angaben der World Steel Association in der Bauindustrie und im Bereich Infrastruktur verwendet. Zement wird vollständig im Baugewerbe verarbeitet. Das Resultat: Der Bau und Betrieb von Gebäuden produzieren 39 Prozent aller Kohlenstoffemissionen in der Welt, so der World Green Building Council.

Durch die Verwendung von Holz werden die Emissionen in der Baubranche drastisch reduziert. Die Herstellung von Stahlträgern erfordert beispielsweise etwa zwei- bis dreimal mehr Energie als die Herstellung von Trägern aus Brettschichtholz. Darüber hinaus ist Holz im Gegensatz zu allen anderen Baustoffen zu einhundert Prozent erneuerbar. Für jeden Baum, der zur Verarbeitung in Norwegen gefällt wird, wird ein neuer gepflanzt.

Holz ist definitiv der Gewinner, wenn es um das Klima geht. Und auch bezüglich der Statik lässt der Baustoff keine Wünsche offen.

ANTI Hamar/Moelven Limtre AS

Gute Eigenschaften für Mensch und Umwelt

Mjøstårnet besteht hauptsächlich aus Brettschichtholz, also verleimten Hölzern, die aus mindestens drei Brettlagen in einer Faserrichtung geklebt sind. Sie werden vorwiegend dort verwendet, wo die Statik eine Herausforderung darstellt. Im Fall des norwegischen Holzhochhauses kamen kleine Fichtenplatten zum Einsatz, die mit Strukturklebstoffen zu Säulen und Balken verbunden sind. Brettschichtholz hält extremen Wetterbedingungen stand, wird in Erdbebengebieten verwendet und verfügt über einen hohen Feuerwiderstand.

Studien zeigen, dass es sich in Holzgebäuden auch gut leben und arbeiten lässt. Die Hölzer verbessern die Luftqualität in Innenräumen, und die ästhetischen und physikalischen Eigenschaften von Holz tragen zum Stressabbau bei. Außerdem harmoniert der Baustoff perfekt mit der Umwelt.

ANTI Hamar/Moelven Limtre AS

Lego für Erwachsene

Die Holzkonstruktion von Mjøstårnet entstand aus vorgefertigten Elementen und Modulen, die im nahegelegenen Werk der Moelven Limtre AS hergestellt wurden. Moelven Limtre hat langjährige Erfahrungen beim Bau von Holzhäusern. Bereits 2014 lieferte die Firma das Holzskelett für das Wohnhaus Treet in Bergen, mit einer Höhe von 51 Metern auf 14 Stockwerken damals das höchste Holzhaus der Welt. Die Holzkonstruktion wurde damals zunächst im Werk in Moelv montiert, dann wieder zerlegt und anschließend zur Endmontage zur Baustelle in Bergen transportiert.

Beim Mjøstårnet wurde eine andere Montagetechnologie angewendet. Hier wurden die fertig bearbeiteten Holzbalken ohne vorherigen Test direkt zur Baustelle befördert. Dort mussten sie millimetergenau passen. Das sei Genauigkeit auf die Spitze getrieben, sagt Rune Abrahamsen, CEO von Moelven Limtre. Es gab keinen Spielraum für Fehler. Lediglich ein Schrägbalken musste nachgearbeitet werden. Das Prinzip entspreche so dem Hausbau mit „Lego für Erwachsene“.

Diese Bauweise stellt nach Angaben des Unternehmens auch sicher, dass der Bau viel schneller vonstattengeht als mit herkömmlicher Montageart. Die mehreren hundert Balken aus Brettschichtholz wurden innerhalb von nur zehn Monaten verbaut. Diese Montageart sei sehr effizient und der neue Standard für Strukturen aus Brettschichtholz, so Abrahamsen.

Die eigentliche Montage erfolgte mit einem großen Kran auf der Baustelle. Ein Außengerüst war nicht notwendig. Riesige Teile der Konstruktionen, über vier bis fünf Stockwerke hoch, schwebten zeitgleich nach oben.

“Es ist ein unglaubliches Gefühl zuzusehen, wie fast 20 Meter des Gebäudes in einem Zug hochgezogen werden. Sowohl das Gebäude als auch unser Stolz wuchsen im Tandem zusammen“, sagt Lars Ivar Lindberg, Montageleiter von Moelven Limtre.

Ein Skyscraper für eine 10.000-Seelen-Gemeinde

Die Idee zum Bau des Hauses hatte Arthur Buchardt, Inhaber des Immobilienunternehmens AB Invest, führender Hotelentwickler in der nordischen Region. Der inzwischen über 70-jährige Unternehmer wünschte sich für seine Heimatstadt Brumunddal – ein Ort mit gerade 10.000 Einwohnern – einen Skyscraper, einen Wolkenkratzer. Er diskutierte das Thema 2015 mit Moelven-Chef Rune Abrahamsen. Während des Gesprächs wurden die beiden immer optimistischer, und das Hochhaus wuchs von ursprünglich geplanten 54 auf 57 auf 67 und schließlich auf 85 Meter. „Let’s go!”, sagte Buchardt und übernahm als Investor die Kosten des Baus in Höhe von etwa 50 Millionen Euro.

Den Entwurf des Gebäudes lieferte das Architekturbüro Voll Architekter. Als Generalauftragnehmer fungierte die Firma HENT AS. Das norwegische Unternehmen Moelven Limtre AS lieferte und montierte als Subcontractor die im Wesentlichen auf dem Trä8-System bestehende Holzkonstruktion.

ANTI Hamar/Moelven Limtre AS

Mehr und mehr öffentliche Gebäude aus Holz

In Norwegen kommt Holz beim Bau von Gebäuden häufig zum Einsatz. Etwa 80 Prozent der Einfamilienhäuser werden aus Holz gebaut. Entsprechend fortgeschritten sind die Technologien zur Holzverarbeitung und zum Bauen mit Holz. 1994 präsentierten die Norweger der staunenden Welt zu den Olympischen Winterspielen in Lillehammer eine Eishalle aus Holz. Es folgten weitere spektakuläre Holzbauten: der Osloer Flughafen Gardermoen, mehr als 200 Brücken, die längste davon 197 Meter lang, ein fünfstöckiges Hochhaus in Trondheim, das Treet-Gebäude mit 14 Stockwerken in Bergen und zahlreiche öffentliche Gebäude wie das Ullerud Health Center in Drøbak, das neue Zentrum für Tierversuche an der Universität für Umwelt und Biowissenschaften NMBU in Ås, die Ytre Enebakk Schule oder das Kringsjå-Studentenheim.

Auf die Frage, wie lange so ein Holzhochhaus Bestand haben wird, ist Amundsen optimistisch. “Die Wikinger haben uns zahlreiche Bauten aus Holz hinterlassen. Holzhäuser stehen eintausend Jahre”, erklärt er und korrigiert sich sofort. “Ach was, Holzhäuser stehen für immer.“